Wasserlauf

Von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, waberten mir kürzlich unendlich viele Fragen durch den Kopf.

Warum eigentlich strebt Mensch ständig danach, alles unter Kontrolle haben zu wollen?

Ist das nicht eine Illusion?

Warum können wir nicht einfach SEIN, so wie es unsere eigentliche, unsere wahre Bestimmung ist, und uns dem Leben hingeben?

Warum fällt es vielen von uns schwer, etwas los- oder gehen zu lassen?

Warum fürchten wir uns davor, die Kontrolle zu verlieren, so wie es Maxim in „Meine Soldaten“ singt? Ist es dann wirklich so, wie es in dem Lied heißt, dass plötzlich alle Emotionen an die Oberfläche drängen, die wir schon so lange wegdrücken? Oder fühlt sich das Leben danach gar leichter an?

„Wenn ich merke, dass mir die Kontrolle entgleitet, versuche ich rauszufinden, was sich hinter meiner Panik verbirgt. Ich frag mich dann, was – ganz realistisch gesehen – das Schlimmste wäre, das passieren könnte. Und dann lass ich los und gebe mich dem Leben hin“, sagte einst eine gute Freundin.

Was also könnte im schlimmsten Falle passieren, wenn wir uns beispielsweise in einer fremden Stadt verlaufen oder in den falschen Zug steigen? Vielleicht landen wir an einem Ort, der uns viel besser gefällt als das ursprünglich geplante Ziel. Was aber, wenn wir fortan nur noch sagten, was wir wirklich denken, oder wir unserem Herzmenschen unsere wahren Gefühle gestehen würden? Auf jede Aktion folgt eine Reaktion, aber … Das, was andere über uns denken, haben wir ohnehin nicht in der Hand. Warum also stressen wir uns so, alles im Griff haben zu wollen?

Passend zu meinen Fragen las ich wenig später einen Artikel über das positive Denken und wie wir für (inneren) Frieden sorgen können, indem wir aufhören, das Gegenüber und vor allem uns selbst zu bekämpfen. Positives Denken gründe auf Optimismus und Zuversicht, hieß es dort. Es zeichne sich dadurch aus, darauf zu vertrauen, dass man das Gewünschte erreichen wird, es einfach geschieht – ohne dass man krampfhaft versucht, es herbeizuführen. Sofort fielen mir Floskeln wie „Think positive!“ oder „Don’t worry, be happy!“ ein. Vor meinem geistigen Auge tanzte Bobby McFerrin.

Hatte ich das nicht schon einmal geschafft? Was hat mich davon abgebracht? Ich nahm mir also vor, die Vorstellung, wie das Leben zu funktionieren hat, loszulassen und mich nach längerer Zeit mal wieder seinem Fluss hinzugeben. Denn was konnte schlimmstenfalls passieren? Nichts! Ich selbst wurde ruhiger, während sich in meinem Außen die Ereignisse überschlugen, die ich zuvor so lange herbeigesehnt hatte. Mittlerweile kann ich sehen und verstehen, wohin mich mein Weg führt, und warum ich so lange darauf warten musste. 

Und schließlich lief mir dieser wunderschöne Spruch über den Weg: ‚Nur in einem ruhigen Teich spiegelt sich das Licht der Sterne.‘ Klingt irgendwie schöner als ‚In der Ruhe liegt die Kraft’, oder? 

Aus genau diesem Grund möchte ich alle, die vielleicht noch des Öfteren hadern, ebenfalls dazu ermutigen, einfach mal loszulassen und sich dem Fluss hinzugeben, wohin auch immer er euch tragen mag. Denn was kann schon passieren?

Corona Blues

Dunkle Wolken ziehen am Horizont auf

Dicke Tropfen fallen

Das Grau des Himmels überzieht die Stadt

Taucht sie in einen nebeligen Schleier,

dem keiner der Bewohner zu entkommen vermag

Bleierne Schwere legt sich über die Dachziegel

Eisige Kälte bricht herein

Risse durchziehen die Fassaden

Lassen sie auseinanderklaffen

Trennung und Spaltung

Doch dann, eines Tages

Trägt ein Vogel einen Halm im Schnabel

Legt ihn nieder

Und baut ein Nest

Die Risse werden gefüllt von Leben,

durch die die Sonne bricht

Die Räume erstrahlen im Sonnenlicht

Doch warum ihre Bewohner nicht?

Das ist die Sehnsucht

Die Sonne ist hinter den Wolken verborgen 

wie Dein Lächeln hinter der Maske.

In deinem Gesicht zeichnen sich kleine Fältchen ab, 

deine Augen beginnen zu leuchten. 

An der Art, wie sich der Stoff hebt und senkt, 

sehe ich deinen Atem schneller 

und schneller werden, 

doch bleiben mir deine Lippen verborgen. 

Du sagst etwas, 

Deine Worte klingen dumpf. 

Schwierigkeiten, Deinen Ausführungen zu folgen, 

möchte ich schreien, 

und bleibe dennoch stumm.

Alles zuvor Gesagte sammelt sich 

in diesem winzigen Stück Stoff, 

landet Stunden später in der Waschmaschine. 

Was vom Tage übrig blieb, 

wird nun bei 60 Grad ausgekocht. 

Noch bevor ihr wieder einsatzbereit seid, 

trete ich hinaus 

in die Freiheit 

und lasse euch zurück.

Die Ruhe nach dem Sturm

Der Regen peitscht gegen die Fenster

Hagelkörner schlagen gegen das Glas

Purzeln hinab 

Landen unsanft auf dem Sims

Mein Blick ist vernebelt

Wie die Welt vor den Fenstern

Die Regentropfen dringen zu mir herein

Ziehen ihre Spuren auf meiner Wange

Der Wind rüttelt in der Baumkrone

Die Äste schlagen um sich

Kein Vogel fliegt am Firmament

Ein Müllsack rollt die Straße hinunter

Reißt die nassen Blätter mit sich

Sie kleiden ihn

Aus hellgelb wird bunt

Der Sturm legt sich

Die Welt steht still

Kein Geräusch zu vernehmen

Nur hinabgefallene Zweige

Bezeugen das Geschehen

Zwischen den Wolken 

Schiebt sich ein Sonnenstrahl hindurch

Die Welt beginnt wieder zu leuchten

Großstadtlichter

Hell funkelten die Großstadtlichter in der Dunkelheit. Ungebremst fuhr er in die Nacht hinein. So ein Scheiß, dachte er. Dabei wollte er doch nur… ja, was eigentlich? Längst hatte er es vergessen. Weg, einfach weg! Und nun standen alle Ampeln auf Rot. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf das Lenkrad ein, als gelte es einen Drumbeat zu testen. Hatte sie das wirklich ernst gemeint? Was hatte ihn zu ihr geführt? Warum hatte er ihr überhaupt seine Aufmerksamkeit geschenkt? Hatte sie dabei auch noch angesehen, in ihre Augen geblickt. Fuck, diese Augen… DIESE Augen! Eine krasse Mischung aus Verletzlichkeit und bohrender Tiefe. Und noch etwas Anderem. Dazu aber fiel ihm beim besten Willen nichts ein. Versunken sind sie in den seinen wie zwei Perlentaucher im Ozean. Sie hatte diesen Scheiß Blick mit diesem verdammten Etwas darin, wie ein viel zu helles Licht, das irgendetwas in ihm zum Schwingen brachte. 

Seine Finger zitterten, als befände er sich in Eiseskälte, dabei brannten seine Hände, als habe er in glühend heiße Kohlen gegriffen. Verdammt scheiß heiße Kohlen! Oh man! Er war am Arsch. Die Gedanken hämmerten durch seinen Kopf wie Technobeats.

Der Typ hinter ihm hupte. Die Ampel stand auf Grün. Ein Blick in den Rückspiegel verriet ihm die Ungeduld des Hintermanns. Dieser warf ihm einen Blick zu, als wäre die Hölle zu Eis gefroren. 

Alter! Ernsthaft?!

Josh verdrehte die Augen und trat aufs Gaspedal, als stieße er das Tor zum Nirwana auf. Eine delphingraue Wolke war alles, was er zurückließ. Sollte der Typ doch an seinen Abgasen verrecken! Selbst schuld, wenn er den Stress, den er vorhin wahrscheinlich noch zuhause hatte, nun auf der Straße ausleben wollte. 

Erneut schaute Josh in den Rückspiegel. Er war vollkommen allein. Im Leben wie auf der Straße. Auf sich selbst zurückgeworfen, ließ er die Stadt seitab. Und während sein Puls entschleunigte, dehnte sich die Zeit. Gab ihm Raum, schenkte ihm eine Spanne der Unendlichkeit, die ihn zur Ruhe kommen ließ. Tief atmete er aus, als habe er die Luft angehalten. Indes rollte der Wagen geschmeidig und leise auf dem Asphalt. Die Stille umgab ihn wie eine sanft duftende Wolke ihres sinnlichen Parfüms. God damn! Dieser Duft auf ihrer sonnengebräunten Haut… Josh schluckte. Ihre filigrane Silhouette zeichnete sich vor seinem inneren Auge ab. Jede Faser in ihm sehnte sie herbei. Nur ein Impuls? Oder ein Wunsch, ein Versprechen, das er in die Nacht entsandte. Dunkel und endlos. Gespickt mit kleinen funkelnden Sternen. Warum nur war er so in Rage geraten? Warum davongerannt? Warum schaffte er es nicht, ihrem Blick standzuhalten? Ihr zu geben, wonach sie sich so sehr sehnte – und er sich irgendwie auch. 

Die Nacht kleidete die Umgebung, tünchte sie in verheißungsvolle Farben. Äste und Sträucher wirkten wie geheimnisvolle Zeichen. Seit über einer Stunde war er nun schon unterwegs. Warum eigentlich nicht alles hinter sich lassen? Einfach weiterfahren ohne Grund und ohne Ziel? Das Gefühl rauschte in seinen Ohren. Er lächelte leise, schaltete das Radio ein und überließ sich der Straße. 

„Easy“ von Faith no more erfüllte den Raum außerhalb von ihm. 

Leicht… warum eigentlich nicht?!

Er cruiste die Allee entlang, vorbei an den unzähligen Kastanienbäumen. Gespenstisch starrten sie auf ihn hernieder, als müsse er wachgerüttelt werden. Ein Blatt segelte hinab und blieb an der Windschutzscheibe haften. Josh schaltete die Scheibenwischer ein und schob es fort. Warum gab es solche Wischer nicht für sein Leben? Wenn doch alles nur … so einfach wäre! Ja, wenn …

Erneut begann ein Wirbelwind seine Gedanken durcheinander schleudern. In etwa so, wie auch sie in sein Leben gestürmt war, wie ein Tornado, und hatte eingeschlagen wie ein Blitz. Einfach fahren! Weiterfahren, Josh! Und die Gedanken dem Strom überlassen, als wären sie der Geist in der Flasche, den es zu bändigen galt. 

Ein helles Licht tauchte aus der Dunkelheit auf. Aus den Boxen erklang ein alter Song von The Doors. „This is the end…“.

Ein Gemeinschaftsprojekt mit Stefanie Nickel

Jahrestrip

Ich fahre durch eine weiße Landschaft. Wie von einer Schicht Puderzucker überzogene Berge tauchen vor mir auf und verschwinden wenig später im Rückspiegel. Der Duft der Clementinen auf dem Beifahrersitz steigt mir in die Nase. Mein Herz ist weit geöffnet. Schneeflocken landen lautlos auf der Windschutzscheibe, vermischen sich mit dem aufgewirbelten Matsch der vor mir fahrenden Autos. Scheibenwischer und Lüftung arbeiten auf Hochtouren. Allmählich lichtet sich der Nebel. Adeles Stimme erfüllt das Wageninnere. „Don`t you remember?“ 

Ich wechsele die Spur, will eine Pause einlegen, den Schnee unter meinen Stiefeln knirschen hören. Und plötzlich sind sie da. Die vielen Bilder, Erinnerungen an die vergangenen elf Monate. 

Bilder von Menschen, von ihren Gesichtern, ihrem Lächeln und ihren Tränen. Bilder von all den Orten, an denen ich sie traf und solchen, an denen ich sie ganz besonders vermisste. Präsent sind mir jene Situationen, die dazu führten, dass sich unsere Wege kreuzten und auch jene, die dazu führten, dass sich unsere Wege trennten oder sie gar (viel zu früh) aus dem Leben schieden, ohne dass ich die Gelegenheit erhielt, mich gebührend von ihnen zu verabschieden. In meinem Kopf höre ich ihre Stimmen, lausche noch einmal den vielen Gesprächen und auch Diskussionen, die wir führten. Ich spüre unsere Umarmungen, höre das Klirren der Gläser beim Anstoßen, unser ausgelassenes Lachen.

Ich spüre die Liebe, in der mich manch eine*r badete – und ich sehe mich, die befürchtete, darin zu ertrinken. Ihnen vor den Kopf stieß, mich abwandte – anstatt anzunehmen und dankbar zu sein. Eine gewisse Melancholie überkommt mich, und ich frage mich, ob es an der atemberaubenden, gepuderten Landschaft oder dem bevorstehenden Fest der Liebe liegt. Ich setze den Blinker und steuere den Rasthof an. Lautlose Tränen rinnen meine Wangen hinab. Kleine Tropfen voller Liebe und Freude, Trauer und Schmerz verkriechen sich im Ausschnitt meines Pullovers.

Es war ein wirklich besonderes Jahr – und das nicht nur aufgrund der aktuellen politischen Situation. So vieles ist passiert, hat sich zurechtgeruckelt oder ist auseinandergebrochen. Für mich ist es das erste Jahr, in dem ich Deutschland nicht ein einziges Mal verließ. Und doch fehlt es mir nicht, denn alles, wonach ich suchte und noch vieles mehr, habe ich hier gefunden, im Gegenüber – und vor allem in mir. 

Gleisdreieck

Gurkenscheiben und Paprikaschnitze werden sorgfältig auf bunten Plastiktellern drapiert. Eine Schüssel mit Nudelsalat und eine Box voller Buletten. Das Gras rings um die karierte Picknickdecke ist grün, driftet an manchen Stellen bereits ins Bräunliche ab. Grell scheint die Sonne. Nur wenige Schleierwolken ziehen über den blauen Himmel. Dennis zupft an seinem neu erworbenen Batiktuch und schiebt die Sonnenbrille vom Haaransatz zurück auf die Nase. Dann wieder zurück in sein langes, blondes Haar, das in der Sonne strahlt. Hat ihm zumindest mal eine Frau gesagt, die er für eine Weile sehr gern hatte. Er greift an den Bügel, lässt ihn wieder los. Setzt er die Brille auf, erkennt ihn Theresa möglicherweise nicht. Wär doof! Oder lieber doch? Was, wenn sie nicht so aussieht wie auf den Bildern bei Tinder? Was, wenn plötzlich jemand völlig Anderes vor ihm steht? Oder ihre Stimme absolut fürchterlich klingt? Ist Theresa eigentlich ihr wahrer Name? Am Ende heißt sie noch Mandy oder Sandy oder so. Dennis schiebt die Sonnenbrille zurück auf die Nase. Sicher ist sicher. 

Sein Blick schweift hinüber zum Kaffeestand. Zu gern würde er sich einen Cappuccino holen, aber das wär unhöflich. Er sollte damit auf sie warten. Die Schlange ist ohnehin viel zu lang. Ein kleines Mädchen quengelt an der Hand der Mutter. Immer und immer wieder brüllt es den Namen einer Eissorte, die die Mutter der Kleinen anscheinend verwehrt. Dahinter ein Typ, schätzungsweise in Dennis’ Alter, wahrscheinlich auch frisch von der Uni, mit hellbraunen Dreads und rötlichem Bart. In seinen Augen sieht Dennis seine Genervtheit, doch sein Körper ist völlig regungslos. Erst als ihn eine junge Frau mit Zopf anstößt und dabei ihr Kaffeebecher zu Boden fällt, woraufhin sich das heiße Getränk auf dem Betonboden verteilt, kommt er in Bewegung, dreht sich zu ihr. Mit dem Rücken zu Dennis hebt sie den Becher wieder auf und steuert den Mülleimer an. 

Dennis schaut auf sein Handy. 15.05 Uhr. Theresa ist zu spät. Er öffnet die App. Nichts. Er schiebt die Sonnenbrille zurück ins Haar und sieht sich um. Der Park ist mittlerweile so voll, dass er sich nicht mehr sicher ist, ob sie sich hier jemals finden werden. Gegenüber der Kaffeebar, rechts von der großen Schaukel – das ist zwar konkret, aber irgendwie auch nicht. Immer mehr Menschen breiten ihre Decken um ihn herum aus. Das kleine Quarrée wird bunt, und er fühlt sich, als verschwinde er im Meer der Farben. Am Ende ist er darin abgetaucht, bevor Theresa überhaupt auftauchen kann. 

Die Schlange vor der Kaffeebar ist kürzer geworden, der langhaarige Ex-Student ins Gespräch mit der Frau mit Zopf vertieft. Beide halten ein Getränk in der Hand, als hielten sie sich daran fest. In unregelmäßigen Abständen pustet der Bartträger in den Pappbecher, aus dem eine Dampfwolke quillt und sich mit der flirrenden Berliner Luft vermischt. Sein Lachen klingt herzlich. Auch sein Gegenüber scheint angetan. Die Hände der jungen Frau sind ständig in Bewegung. Von der einen in die andere Hand wandert ihr Becher hin und her. Schade, dass Dennis sie nur im Profil zu sehen bekommt! Doch er hört, wie sie in sein Lachen einstimmt und erahnt, wie sie dabei die Haare zurückwirft. In der Hinsicht sind doch alle Frauen gleich!

Ein weiteres Mal zieht Dennis das Handy hervor. Er wird Theresa schreiben, dass es hier zu voll, ja, zu eng ist, dass sie sich an der Kaffeebar treffen sollten. Ein Blick aufs Display verrät, es ist bereits zehn Minuten nach der verabredeten Zeit. Will er eine Frau überhaupt noch treffen, wenn sie trotz Verspätung nicht einmal eine Nachricht schickt? An der Uni mag das akademische Viertel ja okay sein, aber bei einem Date? Dennis nimmt die Sonnenbrille von der Nase und kaut am Bügel. Zum wahrscheinlich hundertsten Mal scrollt er durch ihr Profil. Sie ist wirklich hübsch, ganz natürlich. Nicht so eine aufgetakelte Tussi wie manch Andere in diesen Dating Apps. Und sie ist witzig. Und schlagfertig. In Gedanken geht Dennis ihre Nachrichten durch, denkt an den Moment, als ihre erste Sprachnachricht einging. Damit hatte sie ihn. Diese Stimme voller Zärtlichkeit und Power, sexy und schüchtern.

Das Handy vibriert. Beinahe wäre es ihm aus der Hand gerutscht. Warum sind seine Hände plötzlich so feucht? Mit zittrigen Fingern schützt er das Display vor der Sonne, wirft einen Blick darauf. Anruf von Mama. Eilig steckt Dennis das Handy zurück in die Hosentasche und sieht sich um. Nur ein einziges Mal noch. Junge Menschen mit Badminton-Schlägern. Ein Kind auf der Schaukel neben ihm. Eine ältere Frau mit einem Buch und Weintrauben auf der Decke schräg gegenüber. Nur von Theresa keine Spur. Wie in Slow Motion zieht Dennis das Tuch vom Rasen, schüttelt es aus und erntet böse Blicke von der Familie auf der Decke hinter ihm. Ordentlich gefaltet drückt er es in seine Tasche und hätte beinahe die Tomaten zerquetscht. Dabei wollte er sie damit überraschen. Hatte auf dem Weg hierher im REWE alles Vegane, das ihm unter die Augen gekommen war, in den Korb geworfen und später in seiner Tasche verstaut. Hatte gehofft, dass ein Picknick eine zu kurze Begegnung verhindern könnte. Wollte keinen Hunger aufkommen lassen. Bevor er die S-Bahn-Station verließ, hatte er sie beide bereits herumblödeln sehen. Hatte Theresa lachen gehört, bevor eine der kleinen Tomaten zwischen ihren geschwungenen Lippen verschwand.

Aus seiner Hosentasche kramt Dennis diverse Münzen hervor. Einen Cappuccino gönnt er sich noch gönnen, bevor er den Park wieder verlassen wird. Vielleicht kann er sie sogar von der Theke aus beobachten, wie sie die Wiese abläuft, auf der Suche nach ihm. Was wird er dann tun? In Ruhe seinen Cappuccino trinken oder doch zu ihr laufen? Soll sie ihn doch erstmal suchen! 

In der kurzen Schlange vor ihm brabbelt diesmal ein kleines Mädchen auf ihren Vater ein. Kein Eis, aber Kakao. 

„Bitte, Papa, bitte!“ Mit weit aufgerissenen Augen fleht das Mädchen ihn an. 

Der Daddy scheint dahinzuschmelzen wie ein Eis in der Sonne, nimmt die Kleine auf den Arm und drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. 

„Ja, Papa, darf ich?“ 

Er nickt und bestellt.

Erneut zählt Dennis die Münzen in seiner schwitzigen Hand. Warum schwitzt er überhaupt noch? Es gibt doch gar keinen Grund mehr für irgendeine Aufregung. Es würde ein Sonntag wie jeder andere. Mit Netflix und Tiefkühlpizza. Vielleicht noch eine Zigarette, ein Bier und ein netter Tinder-Chat auf dem Balkon.

„Sag mal, ist es eigentlich schon Drei?“

„Zwanzig nach. Wieso? Langweile ich dich?“

Die junge Frau, die von dem Typen mit Dreads zur Hälfte verdeckt wird, lacht.

„Nee. Ich bin eigentlich noch verabredet. Ist aber eh so voll. Da finde ich denjenigen bestimmt sowieso nicht.“ 

Kurzzeitig herrscht Schweigen. Ein Windhauch streift Dennis‘ Unterarme. Die kleinen Härchen stellen sich auf.

„Ach, egal! Wollen wir noch ’ne Runde durch den Park gehen, oder hast du heute noch was vor?“

Der Bärtige schüttelt den Kopf. Dicke Wolken schieben sich vor die Sonne. 

„Andreas, du bist doch Andreas, oder? Mensch, ich steh mir da hinten die Beine in den Bauch. Warum schreibst du mir denn nicht, dass du hier bist? Hast du meine Nachricht nicht bekommen?“ Mit einem dezenten Tritt lässt eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren ihr Skateboard hochschnellen und klemmt es sich unter den Arm, während ihr Blick vom Bartträger zur jungen Frau neben ihm wandert.

Dennis nippt an seinem Cappuccino, verbrennt sich die Zunge und flucht, woraufhin sich die Frau mit Zopf zu ihm dreht. Ihre Augen weiten sich. Ihr Anblick erinnert Dennis an ein erschossenes Reh. Selten zuvor hat er sich so sehr auf die neue Netflix-Serie und das kühle Bier im Kühlschrank gefreut.

Einfach machen!

Über dir kreist der Polizei-Hubschrauber. Menschen wuseln um dich herum. Es pulsiert und dröhnt. In dir kreischt eine Stimme. Sie schreit nach Ruhe. Deine Augen sehnen sich nach Weite.

Und dann steigst du ins Auto, drehst die Musik auf und fährst einfach los. Dein Herz weitet sich, als sich die Sonne hinter den Feldern verkriecht. An einem Wald hältst du an. Bestaunst den Sternenhimmel und freust dich wie ein Kind über die Sternschnuppe, die vor deinen Augen verglüht. Du saugst das Zirpen der Grillen ein und kriechst unter die Decke.

Als der Himmel grau auf den Waldboden drückt, wachst du auf. Willst noch liegen bleiben, bis der Nebel sich lichtet. Irgendwann gibst du auf und erhebst dich. Trittst hinaus und umarmst einen Baum. Saugst seine Energie in dir auf, ehe du hinunter an den See gehst. Und kaum hast du deine Zehen im feuchten Sand vergraben, bricht der Himmel auf, und die Sonne umhüllt dich mit Wärme. Das Wasser hält deinen Blick gefangen. Du kannst nicht sagen, ob Minuten oder bereits Stunden vergangen sind, ehe du dich zurück zum Auto begibst und den Weg in die Großstadt antrittst.

Sich treiben lassen statt sich getrieben zu fühlen. So können 24 Stunden zu den glücklichsten werden, wenn du nur lernst, auf deine innere Stimme zu hören und ihr folgst. Das Leben einfach mal so nehmen, wie es kommt. Zusehen, wie die Fische im See hüpfen und sich ein Schmetterling auf deinem Fuß niederlässt. Momente, in denen die Stimme im Kopf verstummt und die Seele zur Ruhe kommt. Sich vom Leben schleifen lassen wie der Stein von Wasser und Sand. Dahingleiten wie die Wogen des Sees.

Zitroneneis zum Frühstück

Die Spatzen zwitschern.

Hinter geschlossenen Gardinen 

blitzen erste Sonnenstrahlen hervor.

Unermüdlich tickt der Sekundenzeiger.

Tick – tack.

Aus dem Hahn rauscht das Wasser.

Auf dem Herd brodelt der Kaffee.

Verströmt seinen Duft durchs weit geöffnete Fenster.

Schlafend liegt das Handy auf dem Tisch,

bis das kleine Display erstrahlt.

Dunkle Wolken ziehen auf.

Gehäutete Zwiebeln legen sich 

in kleinen Ringen auf die Seele.

Eierschalen umschließen das Herz,

landen unsanft auf dem kalten Fliesenboden.

Warum?

Ein kleines Mädchen fährt im Kinderwagen vorbei. Egal, was ihre Eltern sagen, fragt es ein in die Länge gezogenes „Warum?“

„Es ist Zeit nach Hause zu gehen.“

„Warum?“

„Na, weil es schon spät ist.“

„Warum?“

„Schau mal, es wird schon dunkel.“

„Warum?“ 

Schmunzelnd verfolge ich die Situation und stelle mir selber eine essentielle Frage: Wann genau hört das auf? Ab wann nehmen wir die Dinge hin, ohne sie zu hinterfragen? Glauben wir, schon alles zu wissen und nicht mehr nachfragen zu müssen? Stellen unser Leben stattdessen um auf Autopilot. Oder steckt dahinter eine Angst, dass wir uns möglicherweise blamieren, unsere Fragen von Unwissenheit zeugen könnten? 

Künstler*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und so manch Andere*r sagt nun sicherlich, dass man doch ständig nach dem Warum gefragt werde.

„Warum haben Sie sich diesem Thema angenommen?“

„Warum war Ihnen das so wichtig, dass sie dazu jahrelange Recherchen betrieben haben?“

Oder auch die typische Frage beim Vorstellungsgespräch. „Warum sollten wir uns für Sie entscheiden?“

So viele Fragen, die von Anderen an uns herangetragen werden. Aber stellen wir sie uns selber überhaupt noch? Und damit meine ich keine Fragen wie, „warum hänge ich die Wäsche nicht einfach ab, wenn mich der herumstehende Ständer so stört?“ Oder die Teenagertochter, die uns fragt, warum ihr Schwarm nicht anruft. 

Beginnen wir, uns selbst als Person, als Mensch zu hinterfragen, dann stellen wir oftmals fest, dass sich das innere Kind hinter unserem Verhalten und unseren Handlungen verbirgt. Warum bin ich so stur? Warum bin ich jetzt eingeschnappt? Warum lasse ich das alles mit mir machen und bleibe stumm? Die Gründe dafür liegen oftmals in unserer Kindheit verankert.

Geht es auf die so genannte Midlife Crisis zu, gibt es immerhin Phasen, in denen wir uns wieder vermehrt Fragen stellen und in uns hineinhorchen. Warum macht mich der Job nicht mehr glücklich? Warum habe ich mich dazu entschieden, dieses und kein anderes Leben zu führen?

Unternimmt man als erwachsene Person den Versuch, Anderen unangenehme Fragen zu stellen, erhält man häufig die gleiche Reaktion, die Kinder bekommen. Die Menschen um einen herum wenden sich nach einer Weile genervt von uns ab. Häufig gefolgt von der Antwort, „das wurde schon immer so gemacht“ oder „das ist halt so“. Ganz aktuell auch gern, „das haben Politiker so entschieden, und danach haben wir uns nun zu richten“. 

Haben wir Angst, mit unseren Fragen anzuecken? Haben wir Angst vor den Antworten? Warum haben wir überhaupt Angst und was steckt dahinter? Scheuen wir uns davor, Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen? Wann haben wir aufgehört, Fragen zu stellen? Nachzufragen, zu hinterfragen.

Lasst uns wieder Kinder sein – auch auf die Gefahr hin, dass sich manche genervt von uns abwenden. Diejenigen hingegen, die bleiben und zuhören, sind wirklich an uns als Mensch interessiert.