Hace calor

Ich lausche den vorbeirauschenden Motorrädern

Blicke in den Sternenhimmel

“Hace calor”

Stöhnen die Nachbarn

Auf der Straße, 

Während ich mich an den

Nächtlichen Temperaturen erfreue

Der vertrocknete Palmwedel 

Vor meiner Terrasse 

Erinnert daran,

Was auch von mir gerade abfällt

Eine andere Kultur,

Neue Gesichter

Eine altbekannte Sprache,

Die wie aus dem Nichts

Plötzlich wieder in meinem 

Hirn aufploppt

Mit ihr 

Ein komplett anderes Lebensgefühl 

Nach so vielen Jahren

Endlich wieder hier

Alles neu

Und trotzdem vertraut

Sämtliche Probleme

Treten in den Hintergrund

Keine hitzigen Debatten

Stattdessen Grillenzirpen,

30 Grad, ein Feuerwerk und 

Ein breites Lächeln um Mitternacht

Schmetterlinge

In meinem Bauch

Hace calor en la vida loca 

Ankommen

Weit weg von zuhause 

Mitunter bedarf es nur eines Fluges,

Um ins wahre Leben

Zurückzufinden

Blurred

Die Wolken ziehen immer schneller

Gepeitscht von Wind und Regen

Der Himmel vernebelt blau

Auf Regen folgt Sonne 

Folgt Regen

Folgt Sonne

Das schmatzende Geräusch der Schuhsohlen auf nassem Asphalt

Sonnenstrahlen kitzeln meine Nase

Hagelkörner prasseln auf Autodächer ein

Eine Sturmböe reißt am Schirm

Die Hand am Griff verkrampft sich

Die Knöchel färben sich weiß

Abgestorbene Blätter segeln 

zu Boden

Ich springe durch Pfützen

Wirbele einige Blätter auf

Löse den zu engen Griff

Lasse los 

Und genieße die Tropfen auf meinen nackten Armen

Der Sturm legt sich

Die Wolken ziehen weiter

Kleine und große Blüten öffnen sich

Am Firmament

ein wunderschöner Regenbogen

Dunkelblauer Dunst

Dunkelblauer Dunst

Thore nutzte den verbliebenen Stummel, um die nächste Zigarette zu entzünden. Der Rauch vermischte sich mit dem Dunkelblau des Abendhimmels. Während der Mittagspause hatte ihnen Tine einen langen Vortrag über den Neumond im Widder gehalten. “Leute, heute ist der ultimative Zeitpunkt für einen Neuanfang! Wem von Euch darf ich nachher die Karten legen?” Augenzwinkernd hatte sie sich zu ihm über den Tisch in der Cafeteria gebeugt. “Thore, wie wär’s? Ein neuer Job, eine neue Liebe?” Wie sie ihn alle neugierig beäugt hatten.

Als Silke ihn schließlich in die Seite geknufft hatte, war er wortlos aufgestanden und eine Runde durch den Park gelaufen, bevor er ohne jeden Kommentar an seinen Computer zurückgekehrt war.

Die Glut glimmte auf, als er einen weiteren Zug nahm. Sollten die Kolleginnen doch nach Feierabend zusammensitzen und orakeln! Für ihn war das nix. Lieber saß er auf seinem Balkon und starrte ins Dunkel. Bisher hatte das Leben ihn immer in die richtige Richtung geschubst. Was sollte er sich da die Karten legen lassen? Am Ende kam doch sowieso alles anders. Glaubten seine Kolleginnen wirklich an diesen Quatsch? Dann säße Silke jetzt neben ihm und sie würden sich diese Zigarette teilen. Hatte ihnen der Wahrsager auf dem Jahrmarkt im letzten Jahr nicht die große Liebe prophezeit?

Kopfschüttelnd drückte Thore den Stummel in den überfüllten Aschenbecher. “Was ist, hast du etwa Angst vor der Zukunft?” Noch immer hatte er Antonias Quäkstimme im Ohr. Selbst an seinem Rechner hatte er keine Ruhe vor ihnen bekommen. “Vielleicht hat er Angst, dass die Karten ihm womöglich eine neue Beziehung prophezeien.” Wie Simon geschmunzelt hatte. So ein Arsch! Wieso sollte er Angst vor einer neuen Beziehung haben? Das mit Silke war halt einfach blöd gelaufen. Immerhin verstanden sie sich doch noch ganz gut. Natürlich hatte er zunächst überlegt, die Firma zu wechseln, aber so schlimm war das ja auch alles nicht. Seine Eltern waren schließlich auch getrennt und hatten das Unternehmen deswegen nicht gleich verkauft.

Warum sollte man sich denn vor einer neuen Beziehung fürchten? Und warum hatte Erik ihn eigentlich nicht unterstützt? Der war heute Abend ganz sicher ebenfalls nicht dabei. So wie Thore, hatte er sein Leben doch auch im Griff und benötigte dieses Hexenwerk bestimmt nicht.

Thore zündete eine nächste Zigarette an. Vielleicht sollte er sich morgen einfach krank melden. Oder vorgeben, er sei noch unterwegs gewesen und habe jemanden kennen gelernt und, na ja, die Nacht, sei halt sehr lang geworden. Vielleicht würden sie ihn dann endlich in Ruhe lassen. Und Silke möglicherweise noch einmal ihre Entscheidung revidieren.

Er ging zum Kühlschrank und nahm eine Bierflasche heraus. Zumindest ein bisschen verkatert sollte seine Stimme morgen immerhin klingen!

Zerreißprobe

Sibel betrachtete die durchtrennten Wurzeln und spürte eine dicke Träne ihre Wange hinablaufen.

„Mama, weinst du, weil der Baum jetzt tot ist?“

Probier’s mal mit Gemütlichkeit!, hatte Balus Stimme in ihrem Kopf gesungen, als ihre Tochter zum gefühlt hundertsten Mal die falsche Zahlenkombination am Fahrradschloss eingegeben und Netti dennoch jegliche Hilfe vehement abgelehnt hatte, bis sich das Schloss irgendwann endlich mit einem leisen „Klick“ geöffnet hatte.

Der Anblick der abgerissenen Wurzeln erinnerte Sibel an ihren Geduldsfaden in jenem Moment, als sich Netti aufs Rad geschwungen und das Reifengummi dabei mit dem Asphalt eine glatte, ebene Fläche gebildet hatte. Wie sie die Pumpe aus der Tasche gezogen und das Plastikgehäuse auf den winzigen Verschluss gesteckt hatte. Doch so schnell, wie die Luft eingeströmt war, war sie wenig später auch schon wieder hinausgeströmt.

Wie oft schon hatte sie gelesen, dass es so wichtig sei, das Beste aus jeder Situation zu machen. Und wie oft schon hatten ihr Freundinnen gesagt, das Universum habe seinen ganz eigenen Plan, sie solle doch einfach mal versuchen, geduldiger zu sein.

Resigniert hatte Sibel die Luftpumpe in den Fahrradkorb gelegt und das Rad zurück in den Ständer geschoben. 

„Wie wär’s mit einem kleinen Spaziergang? Um das Fahrrad kümmern wir uns später.“

Freudig hatte Netti ihre Hand ergriffen und war mit ihr in Richtung Kreuzung gehopst.

Aus der Ferne sahen sie bereits das hektische Zucken des Blaulichts. Je näher sie kamen, desto mehr gefror ihr das Blut in den Adern. Schweiß tropfte von Sibels Stirn, als sie auf den riesigen Baum starrte, der den Fahrradweg und sämtliche Autos in dessen Nähe unter sich begraben hatte.

„Mama, weinst du, weil der Baum jetzt tot ist?“ 

Das Mitgefühl, das aus Nettis Augen sprach, durchfuhr Sibel und hätte auf der Stelle einen ganzen Sturzbach auslösen können, doch sie riss sich zusammen – wie schon so oft in ihrem Leben. Stattdessen schlang sie die Arme um ihre Tochter, küsste sie auf die Stirn und flüsterte: „Ich glaube, mein Schatz, das ist der perfekte Moment, ein Eis essen zu gehen.“ 

Als die Feuerwehrmänner begannen, den Baum zu zerlegen, löste sich Sibel aus der Umarmung und wischte die Träne fort. Lächelnd ergriff Netti die noch immer zitternde Hand ihrer Mutter und hüpfte los in Richtung Eiswagen.

***

Am nächsten Tag erwachte Sibel früh. Ein Lächeln breitete sich über ihrem Gesicht aus, als sie das zarte Wesen neben sich erblickte. Ihnen beiden wurde ein weiterer Tag geschenkt, und sie wusste noch gar nicht, wie sie ihn am besten nutzen sollten. Doch wenn sie das gestrige Geschehnis eines gelehrt hatte, war es, dass sie sich ohnehin nicht auf irgendwelche Pläne versteifen sollte. Am Ende kam sowieso alles anders als geplant. Keine Erwartungen – keine Ent-Täuschungen.

Auf der anderen Seite wusste sie, dass sie keinen Tag ihres Lebens noch länger verplempern wollte. Ab sofort galt es, jeden Moment zu genießen, komplett im Hier und Jetzt zu leben, keine weiteren Gedanken an ihre Vergangenheit zu verschwenden oder sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Ganz so wie ihre Tochter es ihr jeden Tag vorlebte. Nun wollte auch sie das Leben feiern, jeden einzelnen Tag genießen, der ihr geschenkt wurde. Sie wollte ihr Herz öffnen, lachen, tanzen, knutschen, reisen. Und sie freute sich über jeden Menschen, der sie auf diesem Weg begleiten würde.

Alles, was für sie vorgesehen war, würde ohne jede Anstrengung zu ihr finden, sodass es sich gar nicht lohnte, irgendetwas oder -jemandem hinterherzujagen. Sie musste einfach nur vertrauen. Das Lächeln auf ihren Lippen wurde breiter.

„Guten Morgen, Mama. Hast du auch so viel geträumt?“

Fundstück

In der engen Zwei-Zimmer-Wohnung stand die Luft. Es roch nach Schlaf und Fonduefett. Konnte sie es wagen, ein Fenster zu öffnen? Noch immer war die Angst groß, dass die Wohnung in Brand gesetzt oder gar sie selbst von einem Geschoss getroffen wurde. Vorerst öffnete Irina nur die Kühlschranktür und wurde von gähnender Leere begrüßt. Es führte kein Weg daran vorbei. Sie musste die Wohnung verlassen.

Nach den kriegsähnlichen Zuständen, die in den vergangenen zwei Tagen auf der Straße vor ihrem Haus geherrscht hatten, wagte sie sich erstmals wieder hinaus. Dicht neben ihr, die Hand fest in ihre gepresst, stolperte ihre Tochter Eve. Der Regen prasselte in dicken Tropfen auf den Asphalt und Eves Kopf. Ihre blonde Locken klebten wie Wachs an Stirn und Wangen. Irina kramte in ihrer Tasche nach dem Schirm, während sie mit den Fingern der anderen Hand versuchte Eves Haare zurückzukämmen. Slalomähnlich, vorbei an ausgebrannten Raketen und unzähligen Schusspatronen, bahnte sie sich zusammen mit Eve den Weg in Richtung ihres silbernen Golfs aus den Neunzigern. 

Das aufspritzende Wasser des vorbeifahrenden Busses ergoss sich über Irinas Rücken, während sie mit zittrigen Fingern den Schlüssel ins Schloss steckte. Leise fluchend ließ sie sich hinters Lenkrad fallen und kontrollierte abermals Eves Gurt auf dem Rücksitz, bevor sie sich in den Verkehr einreihte und sich heimlich schwor, nicht bis zum nächsten Neumond zu warten. Es war wortwörtlich ein brandneues Jahr, und es galt, Pläne zu schmieden. Kein weiteres Mal wollte sie das neue Jahr so beginnen. Noch immer hallten die unzähligen Schüsse durch ihren Kopf. Das Geräusch von zersplittertem Glas und heulenden Sirenen. Als hinter ihr das Blaulicht eines Rettungswagen aufblitzte, zuckte sie ein weiteres Mal zusammen. Abermals fuhr sie auf den Bordstein, ließ den Notarzt passieren und schaltete das Radio ein. Die Nachrichten ertönten. Erneut reihte sie sich in den Verkehr ein und kroch gemeinsam mit gefühlt hundert weiteren Autos die Straße entlang.

Die Ampel sprang auf grün. Irina steuerte den soeben frei gewordenen Parkplatz an. Noch bevor das Auto komplett zum Stehen kam, hatte Eve die Beifahrertür aufgerissen. Irina beugte sich über den Beifahrersitz und zog die Tür zu sich heran. Als sie ihre eigene Tür schloss, hatte Eve das Auto bereits umrundet und streckte ihr soeben freudestrahlend den Fund des Tages entgegen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Irina auf die silberne Nadel, umgeben von einem runden länglichen Plastikgehäuse. Wortlos nahm sie das Fundstück an sich und ließ es in den nächstgelegenen Mülleimer gleiten. Zum ersten Mal war sie dankbar für die Desinfektionsspender am Eingang des Einkaufszentrums. 

Eves kleine Hände formten ein „V“, während Irina den Metallhebel mehrfach betätigte und ihrer Tochter zu verstehen gab, die Hände aneinander zu reiben. So langsam bereute sie ihr Bitten um ein Zeichen des Universums, ob sie diese Stadt verlassen und ihren Träumen besser woanders folgen sollte. Wie vielen Zeichen bedurfte es nun noch, bis sie ihre Wohnung endlich kündigen und die Kartons packen würde? 

„Guten Morgen. Na, gut ins neue Jahr gerutscht?“ Irina sah auf und in die strahlenden Augen der Verkäuferin. Millionen von Einwohnern, und dennoch kannte man sie, schätzte sie und ihre kleine Tochter, führte hier und da einen kleinen Schwatz mit ihnen beiden. Könnte sie das einfach so aufgeben? Wie wäre das in einer Kleinstadt? Mit Sicherheit würde sie dort noch schneller mit dem Bäcker ins Gespräch kommen, ihre Nachbarn innerhalb kürzester Zeit beim Namen nennen können. Andererseits aber möglicherweise schon bald zum Thema diverser Stammtisch-Abende werden. „Hast du schon gesehen, die Neue, wirkt ja erstmal ganz nett, aber wer weiß, was die geritten hat, von so einer großen Stadt hier in die Idylle zu ziehen. Hast du gesehen, was die beruflich macht? Damit kommt die doch hier auf keinen grünen Zweig.“ Die Vorstellung morgens aufs Wasser zu blicken, war, verglichen mit dem möglichen Dorftratsch, dennoch viel zu verlockend, um den Weg nicht zu gehen, oder? Aber was, wenn ihre Tochter eines Tages unter ihrem Ruf der ‚verschrobenen Alten‘ leiden musste? Ausgrenzung oder regelmäßige Spritzenfunde, was stellte das kleinere Übel dar?

Behände warf Irina die Einkäufe auf die Rückbank, schnallte Eve erneut an, klappte den Fahrersitz zurück und startete wenig später den Motor. Aus den Boxen erklungen Depeche Mode. Sie schaltete das Radio aus und setzte den Wagen zurück. Bis zum Anschlag trat Irina die Bremse, als ein schwankender Mann, die Rücklichter ignorierend, plötzlich verdächtig nah an ihrer Stoßstange vorbeitorkelte. Im Rückspiegel sah sie das Heck ihres Wagens knapp vor seiner Kniescheibe stoppen und Eves Oberkörper nach vorne schnellen. Gleich heute Abend würde sie sich auf die Immobiliensuche begeben. Vielleicht war es gar nicht so übel, zum Dorfgespräch etwas Neues beitragen zu können.

Schnee von gestern

Der letzte Neumond des Jahres. Zeit innezuhalten, zurückzublicken und Wünsche für die Zukunft zu äußern. Statt 2022 kommt mir seltsamerweise immer wieder das Jahr 2019 in den Sinn, in dem mir zu exakt dieser Zeit auf Bali die Idee zu diesem Blog kam. Drei Jahre, etliche Einträge und mehrere Umzüge später sitze ich nun im verregneten Berlin, sehe aus dem Fenster und will versuchen, das Jahr 2022 in Worte zu fassen. Und dabei kommen mir drei Begriffe in den Sinn: Schnee, Sonne und Nieselregen. Das Wetter der vergangenen vierzehn Tage als das perfekte Abbild meines Jahres.

Wie in einem Film erscheint vor meinem geistigen Auge eine Abfolge von Bildern: Wochenenden am Chiemsee, Stand-up-Comedyabende in Stuttgart, unzählige Treffen auf dem Tempelhofer Feld, Konzerte, Ausflüge an diverse Brandenburger Seen, Kurzurlaube an die Ostsee, der Erscheinungstag meines Romans und ein ausgiebiger Spaziergang durchs nächtliche Rixdorf. Ich sehe Freunde, die nicht länger eine aktive Rolle in meinem Leben spielen sowie die Gesichter jener Menschen, die mir das Universum schickte, um meinem Leben eine neue Wendung zu geben. Ich begreife, wie viel sich verändert hat und dass so manches, um das ich die letzten Jahre gebeten hatte, auf einmal da ist. Ich realisiere, wie vielen Menschen ich dankbar bin, dass sie mir in diesem Jahr zur Seite standen und wie jeder von ihnen seinen Teil dazu beitrug, mich an genau diesen Punkt zu bringen, an dem ich mich jetzt befinde. Gleichzeitig bin ich davon überwältigt, wenn nicht sogar demütig, als mir so richtig bewusst wird, wo ich plötzlich stehe – und wovon ich 2019 nicht einmal zu träumen wagte.

Doch es gab nicht nur diese Sonnenseite. Ein wichtiger Pfeiler meiner Entwicklung in diesem Jahr war sicherlich die große Verzweiflung, nachdem meine Vermieterin mir mitteilte, dass ich die Wohnung kurzerhand räumen sollte und ich in dieser kurzen Zeit keine neue Wohnung fand. Die vielen Tränen, die aufgrund der unzähligen Absagen flossen, aber auch jene vor Freude, die beim heiß ersehnten Anruf der Maklerin liefen, als sie sagte, der Mietvertrag sei schon auf dem Weg zu mir. Und nun rückblickend zu verstehen, dass es das Beste war, das mir passieren konnte. Denn wie heißt es so schön, wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere – und so ging mit diesem Umzug ein großer Wandel einher. Mittlerweile habe ich sogar gelernt, dass es für solche Begebenheiten einen Fachbegriff gibt: Crash (Seelen-)Verträge. Chefs oder Vermieter, die – ohne jede Vorwarnung – dafür sorgen, dass das Leben mal kurz in den Schleudergang geschaltet wird, damit wir lernen, endlich unserer inneren Bestimmung nachzugehen. 

Je länger ich über die vielen Geschehnisse dieses Jahres nachdenke, begreife ich, warum ich zu Beginn an das Jahr 2019 zurückdenken musste, und mir wird erstmals richtig deutlich, welche Situationen aus 2019 in diesem Jahr (endlich) zu einem Ende gekommen sind. Auch wenn dies bedeutete, dass mein Leben in den letzten zwei Monaten ein weiteres Mal komplett Kopf stehen musste. Doch rückblickend weiß ich, dass – wie bereits bei der Kündigung zu Beginn des Jahres – auch diese Phase ihre Berechtigung hatte, um mir meiner eigenen Stärke noch bewusster zu werden und zur Unterstützung die „passenden“ Menschen an die Seite gestellt zu bekommen, damit ich in wenigen Tagen mit großer Zuversicht ins Jahr 2023 starten und schon bald womöglich ein weiteres Mal die Umzugskisten packen und Berlin und seinen Bewohnern für unvergessliche, wenn auch sehr bewegte Jahre danken darf.

Ich wünsche Euch allen ein wundervolles Weihnachtsfest und einen fantastischen Start ins Jahr 2023!

Großstadtkälte

Das Plätschern

Einzelner Regentropfen

Unterbrochen

Von einem verfrühten Silvesterknaller 

In der Ferne

Das schmatzende Geräusch der Schuhsohlen

Vorbeieilender Passanten

Knisternde Tüten voller Weihnachtsgeschenke

Reifen rauschen auf nassem Asphalt

Noch zehn Minuten

Ähnlich eines Ritterhelms 

Legt sich die Kälte 

Um meinen Kopf

Kriecht tiefer

Schiebt sich am Kragen vorbei

Gänsehautmoment 

In der Großstadt

Die Augen 

Zu Schlitzen verengt

Schaue ich

Zur Anzeigetafel

Sieben Minuten

Vor der roten Ampel

Hält ein Taxi

In meiner Jackentasche

Die Hände zu Fäusten geballt

Gewillt der Versuchung

Zu widerstehen

Es spontan heranzuwinken

Weit weg zu fahren

Doch wohin?

Die Ampel schaltet auf Grün

Im Schneckentempo

Schiebt sich

Das leere Taxi

An mir vorbei

Der funkelnde Schneemann

Gegenüber

Sieht mich vorwurfsvoll an

Vier Minuten

Der Regen nimmt zu

Ein nebliger Schleier

Schiebt sich

Zwischen mich

Den Schneemann

Die Anzeigetafel

Wie eine Tarnkappe ziehe ich 

Die Kapuze über den Kopf

Tief ins Gesicht hinein

Warum ist das alles passiert?

Noch zwei Minuten

Wie soll es weitergehen?

Das leuchtende Gelb 

Kommt näher

Hinter dem großen Fenster

Im oberen Stockwerk

Knutscht ein junges Paar

Dahinter

Eine blonde Frau

Hält eine Sektflasche

Eng umschlungen wie einen Teddybär

Gebannt starrt der Busfahrer

Eine Etage tiefer

Auf die rote Ampel

Ich ziehe die mittlerweile

Zerknitterte Fahrkarte

Hervor

Lausche

Dem zischenden Geräusch der Türen

Zu spät




This goes out to the ones I love(d)

Und als ich sagte, „Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute“, 

meinte ich es genau so,

ohne jeden Hintergedanken.

Und als ich lernte loszulassen, 

verstand ich, 

dass dies nicht bedeutet, 

dich plötzlich weniger lieb haben 

oder gar hassen zu müssen.

Denn ich begriff, 

dass du mir geschickt wurdest, 

um mich auf einer kürzeren 

oder auch längeren Wegstrecke zu begleiten, 

weil es in diesem Moment passte,

dass wir uns begegneten. 

Dass sich unsere Wege dann wieder trennen mussten, 

weil sich unsere Seelen wünschten,

allein weiter zu wachsen.

Und immer mal wieder erreichen mich Zeichen, 

die mich an dich

und unsere gemeinsame Zeit denken lassen. 

Jene Momente,

in denen ich mir wünsche, 

dass es dir gut geht und 

dir von Herzen alles Gute schicke.

Willkommen

Kaffeeduft erfüllt den Raum

An den Fenstern ziehen graue Wolken vorüber

Ein Hubschrauber dröhnt vom Himmel herab

Leuchtend gelb und zu grell für den frühen Morgen

Schwungvoll gieße ich einen Schluck 

vom Dunkelbraun in die Tasse

tropfe etwas Milchschaum darüber

Ein leises Bitzeln ertönt

Auf dem Weg zum Sofa

schnappe ich mir eine Kirsche 

vom Esstisch

Dunkelrote Sprenkel zieren mein weißes Shirt

Kurz verdrehe ich die Augen

bevor mich in die Kissen sinken lasse

In meinen Händen weiterhin das dampfende Getränk

Ich stelle den Becher auf den Nierentisch vor mir 

und blicke mich um

Ein Schrank voller Malutensilien 

gleich neben dem Klavier

Schräg dahinter der große Esstisch

für zauberhafte Abende mit lieben Menschen

Mehr braucht es nicht

Ich lasse mich tiefer in die Kissen sinken 

und genieße das Gefühl des

Angekommenseins

in meinen vier Wänden

und in mir

Die Wolken vor den Fenstern verziehen sich

allmählich

Die ersten Sonnenstrahlen 

tanzen über den Teppich

Auf meiner Schulter spüre ich

eine kleine Hand

und drehe mich um

Ein Kissen landet

mitten in meinem Gesicht

Ich ducke mich

Federn fliegen

Etwas Buntes segelt haarscharf

an der Tasse vorbei

Minuten später und außer Atem

nippe ich am Kaffee

Er ist eiskalt

Ich sammle die Kissen ein

Der Anflug eines Lächelns

zieht meine Mundwinkel 

in die Höhe

Fühlt sich so Heimat an?

Einkehr

Wenn winzig kleine Regentropfen 

Auf schmale Grünstreifen treffen

Und der Rasen die Feuchtigkeit aufsaugt

Wie der Mensch die Zuneigung seines Gegenübers 

Wenn sich die Luft erhitzt,

als würde sie still stehen

Unbewegt und dunstig

Wenn die Wolken die Sterne verdecken

Und nur der Mond sie sanft beleuchtet

Wenn außer des leisen Prasselns 

Stille einkehrt

Dann steht die Stadt für einen Augenblick still

Bis vereinzelte Passanten eiligen Schrittes

Im U-Bahn-Schacht verschwinden

Von der nächsten Bahn verschluckt, 

dem nächsten Rewe oder auch Club.

Die Stille für einen Moment verdrängt

Dann, wenn die aufsteigenden Gedanken

Im hastig hinuntergestürzten Drink ertränkt werden

Wenn bei Instagram schon bald 

das nächste Reel die durchtanzte Nacht bezeugt

Fernab des Regens und der Stille

Inmitten eines Feuerwerks der Sinne

Dann mag so manch einer danach denken:

Welch eine zauberhafte Nacht,

doch welche Erkenntnis hat sie mir gebracht?