Einfach machen!

Über dir kreist der Polizei-Hubschrauber. Menschen wuseln um dich herum. Es pulsiert und dröhnt. In dir kreischt eine Stimme. Sie schreit nach Ruhe. Deine Augen sehnen sich nach Weite.

Und dann steigst du ins Auto, drehst die Musik auf und fährst einfach los. Dein Herz weitet sich, als sich die Sonne hinter den Feldern verkriecht. An einem Wald hältst du an. Bestaunst den Sternenhimmel und freust dich wie ein Kind über die Sternschnuppe, die vor deinen Augen verglüht. Du saugst das Zirpen der Grillen ein und kriechst unter die Decke.

Als der Himmel grau auf den Waldboden drückt, wachst du auf. Willst noch liegen bleiben, bis der Nebel sich lichtet. Irgendwann gibst du auf und erhebst dich. Trittst hinaus und umarmst einen Baum. Saugst seine Energie in dir auf, ehe du hinunter an den See gehst. Und kaum hast du deine Zehen im feuchten Sand vergraben, bricht der Himmel auf, und die Sonne umhüllt dich mit Wärme. Das Wasser hält deinen Blick gefangen. Du kannst nicht sagen, ob Minuten oder bereits Stunden vergangen sind, ehe du dich zurück zum Auto begibst und den Weg in die Großstadt antrittst.

Sich treiben lassen statt sich getrieben zu fühlen. So können 24 Stunden zu den glücklichsten werden, wenn du nur lernst, auf deine innere Stimme zu hören und ihr folgst. Das Leben einfach mal so nehmen, wie es kommt. Zusehen, wie die Fische im See hüpfen und sich ein Schmetterling auf deinem Fuß niederlässt. Momente, in denen die Stimme im Kopf verstummt und die Seele zur Ruhe kommt. Sich vom Leben schleifen lassen wie der Stein von Wasser und Sand. Dahingleiten wie die Wogen des Sees.

Zitroneneis zum Frühstück

Die Spatzen zwitschern.

Hinter geschlossenen Gardinen 

blitzen erste Sonnenstrahlen hervor.

Unermüdlich tickt der Sekundenzeiger.

Tick – tack.

Aus dem Hahn rauscht das Wasser.

Auf dem Herd brodelt der Kaffee.

Verströmt seinen Duft durchs weit geöffnete Fenster.

Schlafend liegt das Handy auf dem Tisch,

bis das kleine Display erstrahlt.

Dunkle Wolken ziehen auf.

Gehäutete Zwiebeln legen sich 

in kleinen Ringen auf die Seele.

Eierschalen umschließen das Herz,

landen unsanft auf dem kalten Fliesenboden.

Warum?

Ein kleines Mädchen fährt im Kinderwagen vorbei. Egal, was ihre Eltern sagen, fragt es ein in die Länge gezogenes „Warum?“

„Es ist Zeit nach Hause zu gehen.“

„Warum?“

„Na, weil es schon spät ist.“

„Warum?“

„Schau mal, es wird schon dunkel.“

„Warum?“ 

Schmunzelnd verfolge ich die Situation und stelle mir selber eine essentielle Frage: Wann genau hört das auf? Ab wann nehmen wir die Dinge hin, ohne sie zu hinterfragen? Glauben wir, schon alles zu wissen und nicht mehr nachfragen zu müssen? Stellen unser Leben stattdessen um auf Autopilot. Oder steckt dahinter eine Angst, dass wir uns möglicherweise blamieren, unsere Fragen von Unwissenheit zeugen könnten? 

Künstler*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und so manch Andere*r sagt nun sicherlich, dass man doch ständig nach dem Warum gefragt werde.

„Warum haben Sie sich diesem Thema angenommen?“

„Warum war Ihnen das so wichtig, dass sie dazu jahrelange Recherchen betrieben haben?“

Oder auch die typische Frage beim Vorstellungsgespräch. „Warum sollten wir uns für Sie entscheiden?“

So viele Fragen, die von Anderen an uns herangetragen werden. Aber stellen wir sie uns selber überhaupt noch? Und damit meine ich keine Fragen wie, „warum hänge ich die Wäsche nicht einfach ab, wenn mich der herumstehende Ständer so stört?“ Oder die Teenagertochter, die uns fragt, warum ihr Schwarm nicht anruft. 

Beginnen wir, uns selbst als Person, als Mensch zu hinterfragen, dann stellen wir oftmals fest, dass sich das innere Kind hinter unserem Verhalten und unseren Handlungen verbirgt. Warum bin ich so stur? Warum bin ich jetzt eingeschnappt? Warum lasse ich das alles mit mir machen und bleibe stumm? Die Gründe dafür liegen oftmals in unserer Kindheit verankert.

Geht es auf die so genannte Midlife Crisis zu, gibt es immerhin Phasen, in denen wir uns wieder vermehrt Fragen stellen und in uns hineinhorchen. Warum macht mich der Job nicht mehr glücklich? Warum habe ich mich dazu entschieden, dieses und kein anderes Leben zu führen?

Unternimmt man als erwachsene Person den Versuch, Anderen unangenehme Fragen zu stellen, erhält man häufig die gleiche Reaktion, die Kinder bekommen. Die Menschen um einen herum wenden sich nach einer Weile genervt von uns ab. Häufig gefolgt von der Antwort, „das wurde schon immer so gemacht“ oder „das ist halt so“. Ganz aktuell auch gern, „das haben Politiker so entschieden, und danach haben wir uns nun zu richten“. 

Haben wir Angst, mit unseren Fragen anzuecken? Haben wir Angst vor den Antworten? Warum haben wir überhaupt Angst und was steckt dahinter? Scheuen wir uns davor, Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen? Wann haben wir aufgehört, Fragen zu stellen? Nachzufragen, zu hinterfragen.

Lasst uns wieder Kinder sein – auch auf die Gefahr hin, dass sich manche genervt von uns abwenden. Diejenigen hingegen, die bleiben und zuhören, sind wirklich an uns als Mensch interessiert.

Hirngespinst

Ein simpler Knopfdruck, und er hatte sie ausgelöscht, für immer und ewig aus seinem Telefon verbannt. Sein Herz krampfte. Alle Illusion, alle Zuversicht. Mit wenigen Worten hatte sie ihm alles genommen, hatte alles zerstört, was er mühsam versucht hatte aufzubauen. Elias starrte auf das leere Display. Zwei Worte in einem hellblauen Kasten blickten ihn stumm an. No messages. Nie wieder wollte er ihre Stimme hören, ihre verletzenden Nachrichten lesen. Er nahm einen Schluck vom Flaschenbier und steckte sich die Kopfhörer in die Ohren. Rage against the Machine brachten ihn zurück in die 90er.

Im See spiegelte sich der pralle Mond und verwandelte das Wasser in eine glitzernde Masse. Ein Strahlen inmitten der dunklen Nacht. So wie Annas Strahlen auf den morgendlichen Fotos.

„Guten Morgen, mein Schatz. Wie geht’s dir, babe?“ Ihre Stimme hatte sich in sein Hirn gefressen, in der hinterletzten Zelle festgesetzt. Elias ließ sich in den feuchten Sand sinken und drückte den Lautstärkeregler seines Handys in die Höhe, schrie und brüllte, bis die Enten aufschreckten und davonflogen. 

Er hasste sie. Er liebte sie.

Der See stand komplett still, während er von den Wellen fortgerissen, weit hinausgetragen und schließlich unsanft zurück an Land gespült wurde. Ausgespuckt.

Er hatte sie lieb gewonnen, ihre Verwirrtheit, ihre Ehrlichkeit, bis zu dem Moment, in dem sie das alles zerstörte mit der Wucht ihrer Worte. Sie hatte es geschafft, ihm innerhalb kürzester Zeit alles zu nehmen – so wie er ihr nun alles nehmen wollte. Seine liebevollen Nachrichten, seine Fotos, sein Innerstes, das er für sie nach außen gekehrt hatte. Dafür, dass sie nun darauf herumtrampelte. Mit einem Tastenklick entriss er ihr seine Liebe, löschte alle Gedanken aus, die er jemals an sie verschwendet hatte. Ein einziger Knopfdruck, und alles war vorbei. Ausgelöscht für immer.  

Sein Herz brannte wie die über dem See aufgehende Sonne. Er drehte die Musik abermals lauter und ließ sich von ihr davontragen. Annas Stimme in seinem Kopf wurde leiser, verebbte. Ein kühler Windhauch umspielte sein Herz.

***

Anna lag im Bett und starrte an die Decke. Kahl und einfarbig wie die Seite, auf der sie bis vor wenigen Stunden seine Nachrichten und Fotos hatte sehen, seine Stimme auf Dauerschleife hatte anhören können. 

Hast du gut geschlafen, babe? Hattest du einen schönen Nachmittag?  Schlaf gut, babe, ich kuschel mich gleich zu dir unter die Decke.

In ihrem Kopf war noch alles da, während der hellblaue Kasten im Handydisplay das Gegenteil behauptete. No Messages.

Zaghaft berührte der große Zeiger des Weckers die Drei, und sie war hellwach, wollte die Zeit zurückdrehen, alles ungeschehen machen. Auf Knopfdruck hatte sie alles zerstört. Das simple Tippen einer Buchstabenkombination hatte dafür gesorgt, dass sie ihn wohl für immer verloren hatte.

Jede Faser in ihr sehnte sich nach seiner Stimme, seinem Lachen, sogar seinen Anzüglichkeiten. Es gab kein Tabu. Über alles offen und ehrlich reden, das mochte sie an ihm. Bis sie die Grenze überschritt und sich von einem auf den nächsten Moment in einem unbekannten Land wiederfand, weit entfernt von ihm und sich selbst.

Anna nahm die Brille ab und wischte die Tränen vom kalten Glas. Ein kühler Windhauch blies die Gardinen auf. Sie zog die Decke bis unters Kinn, wollte lieber ersticken als erfrieren. Gefrierbrand des Herzens.

Ebenso eiskalt war auch Elias Reaktion auf ihre Nachrichten ausgefallen. Sie wollte mit ihm reden, es persönlich klären, doch ehe sie sich versah, war alles weg.  Ausgelöscht. So, als existiere er nicht mehr. Als habe es sie beide nie gegeben. Verloren für immer. Nichts zeugte mehr von all den schönen Momenten. Alles hatte er ihr genommen, alle Fotos, ob im Bett, in der Natur, mit Hund oder Katze. Den rauen Klang seiner Stimme am Morgen, die ins Mikro gehauchten Küsse. Das Kopfkino, das am Ende die verkehrte Richtung eingeschlagen hatte.

Ein leises Wimmern erfüllte ihr Schlafzimmer, prallte am Wecker ab und setzte sich in den Laken fest. 

Schlaf gut, babe, ich kuschel mich gleich zu dir unter die Decke. 

Sie schaltete das Licht aus und sofort wieder an, zog das Kissen über die Ohren. Ein kühler Windhauch wehte herein, streifte ihre Wange und trocknete die Tränen im Moment, als sich der erste Sonnenstrahl durch die Gardinen kämpfte.

Spontanbesuch (English version below)

Du öffnest die Tür und blickst dem Glück mitten ins Gesicht. Was tun? Das Glück hereinbitten, dass es sich in deiner Wohnung breitmacht, dein Sofa belagert, dir nachts die Bettdecke klaut? Oder lieber erstmal auf einen Spaziergang einladen? Nicht, dass es noch ansteckend ist. Infiziert vom Glück, wer will dieses Risiko schon eingehen?

Zwei Haushalte, das Glück und du. Wer von euch trägt sich in die Liste ein, die euch im Café um die Ecke gereicht wird? Dort, wo es dich auf ein Getränk einlädt, das dir nicht nur die Hände sondern auch das Herz wärmt.

Auf dem Heimweg pflückt das Glück einen Blumenstrauß und teilt dir mit, dass es bei dir einziehen möchte.

Doch wohin mit der Angst und den Zweifeln, belagern sie seit Jahren deine Wohnung, folgen dir auf Schritt und Tritt, wohin du auch gehst? Du kannst sie doch nicht einfach vor die Tür setzen, schreit deine innere Stimme entsetzt. Wo sollen sie denn hin? Bei der Nachbarin ist auch kein Platz, hat sie ihre eigenen Angst-Mitbewohner, und in den letzten Wochen sind es ohnehin immer mehr geworden. Schaffst du es sie ihrem eigenen Schicksal zu überlassen, einfach mal egoistisch zu denken?

Aber was ist dann mit dem Glück? Darf es bleiben? Du müsstest gut für es sorgen, es nähren, so wie die Angst bisher dich genährt hat. Es gab Momente, da fühltest du dich regelrecht überfressen, konntest dich kaum noch bewegen, vollkommen lethargisch und ausgelaugt. Ein Zustand, an den du dich erschreckenderweise gewöhnt hast.

Plötzlich fällt dir auf, dass die Angst dir noch nie Blumen geschenkt hat, nicht mal einen Kaktus, an dem du dich hättest stechen können. Und trotzdem bist du in einen tiefen Schlaf gefallen wie Dornröschen. Vielleicht ist das Glück gekommen, um dich endlich wachzuküssen. Du solltest es wagen. Lass das Glück einziehen und seinen Kumpel, die Zuversicht, gleich dazu! Und wer weiß, wenn es sich erst einmal bei dir wohlfühlt, wird auch bald die Liebe bei dir einziehen wollen.

A Spontaneous Visit

You open the door and stare right into the face of happiness. How will you react? Ask happiness to step inside so that it might sit on your sofa all day long, pull the covers off you during the night?

Or will you ask happiness to go for a walk? Be careful, it might be contagious. Getting infected by happiness, who in the world would want to take this risk?

Two households, happiness and you. So who of the two of you will write down the name into the list they ask you to submit at the coffee shop nearby? Right there where happiness invites you for a drink which doesn’t only warm up your hands but also your heart.

On your way home happiness is picking some flowers, telling you that it would love to move in with you.

But what to do with anxiety and doubts which have been staying at your apartment for such a long time already, following you wherever you go? You cannot ask them to leave this easily, your inner voice is yelling. Where are they supposed to go? There is no spot left at your neighbor’s apartment since she has her own anxiety-flatmates which have become even more during the last weeks since March.

Will you be able to abandon them, leave them to their own fate? Can you manage to put yourself first?

But what will happen to happiness then? Will you ask it to stay? You would have to care for it, to nourish it just as anxiety has nourished you for so many years. There were moments when you felt overindulged. You’ve barely been able to move, deprived of all of your energy, totally sluggish. A condition you, alarmingly, got used to.

Suddenly, you realize that anxiety has never brought you any flowers, not even a cactus at which you could have pricked yourself. Nevertheless, you have fallen into a deep sleep. Maybe, happiness has arrived to, finally, kiss you awake. You should dare to take the risk! Ask happiness to move in with you and also his best friend, serenity. And who knows? As soon as happiness will feel comfortable, love might ask you to move in with the two of you as well.

Abspann

Auf dem Monitor läuft der Abspann. Die Realität holt dich ein, greift nach dir, schleudert dich mit voller Wucht zurück. Auf dem Fensterbrett zittern die Kerzenflammen. Die Gardinen blähen sich auf, sinken zurück in Ausgangsposition. Gierig saugen die Blätter die prasselnden Regentropfen auf. Das helle Klacken der Hundemarken vermischt sich mit den Stimmen der Gassigänger. Schnarrend schließt sich das Rollo im Erdgeschoss. Katzengleich schleicht ein Radfahrer vorbei. Die Reifen hinterlassen ein leises Zischen auf dem glänzenden Asphalt vor den Fenstern. Der Vollmond schiebt sich durch die geschlossene Wolkendecke. Leise klingelt das Windspiel auf deinem Balkon. Im Nachbarhaus sind die Lampen hinter den Fenstern erloschen. Menschen gehen zu Bett, kuscheln sich aneinander oder träumen vom Subjekt der Begierde. Die Nachtigall stimmt ihren Gesang an. Der Regen lässt nach. Nur das Gluckern im Gully zeugt von seiner eben noch da gewesenen Existenz. In der Ferne rollt die S-Bahn ein. Piepsend wird vor den sich schließenden Türen gewarnt.

Tanz in den Mai

Hell erleuchtete Wohnungen in der Nachbarschaft. Pizza-, Burger- und Sushi-Lieferanten geben sich die Klinke in die Hand. Auf einem der Balkone singt ein Paar die Hits der 90er. Ihre Musik breitet sich leise über der Straße aus, trifft auf die gegenüberliegende Hauswand, lockt die Bewohner an die frische Luft. Einige applaudieren, andere johlen oder stimmen in den Gesang mit ein. Dennoch scheint niemand den Wonnemonat mit der gleichen Ausgelassenheit zu begrüßen wie noch im vergangenen Jahr. Die wahrscheinlich Einzigen, die heute tanzen, sind meine Finger. Discofox auf der Tastatur, kein Engtanz!

Die Natur vor meinen Fenstern lässt sich von der Gesamtsituation nicht beirren. Grün und saftig schießen die Blätter und Blüten aus den Knospen hervor, zeigen sich in ihrer ganzen Schönheit, während unsere innere Blüte zunehmend verkümmert, sind wir aufgefordert, gegen die eigene Natur zu handeln. „Wir reden stundenlang am Telefon über die Dinge, die uns im Kopf herumspuken, doch ist das Herz so voll“, sagte kürzlich eine Freundin. Will das Herz endlich Erlösung finden, müssen wir dafür tief in die Tasche greifen. Der Wunsch nach Nähe war wahrscheinlich zu keiner Zeit so massiv wie in dieser. Werden wir von einer Nachbarschaftsseite im Internet aufgefordert, näher aneinander zu rücken, zahlen wir eine beträchtliche Strafe, wollen wir dieser Aufforderung physisch nachkommen. Viele von uns fragen sich sicherlich schon, wie viel ihnen eine Umarmung mittlerweile wert ist. 150, 200 oder gar 2000 Euro? Was bedeutet das für Tinder-Dates? Bestehen jene momentan eigentlich ausschließlich aus Spaziergängen und Radtouren?

Haben wir uns gerade damit abgefunden, dass jede Form der körperlichen Nähe auf unbestimmte Zeit untersagt ist, vermissen wir seit Beginn der Woche plötzlich noch mehr: Das nette Lächeln der Frau an der Supermarktkasse, des Gassigängers aus der Nachbarschaft, der Blumenhändlerin auf dem Wochenmarkt. Hinter die Fassade blicken, die Maske fallen lassen – all dies erhält mit einem Mal eine völlig neue Bedeutung. Was macht das mit uns, können wir niemandem mehr aufmunternd zulächeln? Was macht das mit unseren Kindern, können sie Gefühle plötzlich nicht mehr von den Gesichtern ihrer Mitmenschen ablesen? Jedes Gespräch wird im Keim erstickt, die Atmung flacht ab. Wir werden müde und drömelig. Sieht so die Zukunft aus?

Was würde wohl passieren, würden eine*r von uns einfach einen Tisch auf die Straße stellen und dort zu Abend essen, fragte neulich eine Bekannte. Würden Andere – natürlich unter Einhaltung des Mindestabstands – mitziehen? Würden die Masken nach und nach fallen? Würde man sich aufrichtig erzählen, was einen zurzeit beschäftigt? Würde die Presse anrücken und darüber berichten? Würden die Bilder um die Welt gehen und Menschen in Italien, Spanien oder Finnland dazu anregen, etwas Ähnliches zu tun? Würde die Polizei kommen und den Ausdruck jenen friedlichen Widerstands auflösen? Niemand kennt die Antwort – solange es nicht in die Realität umgesetzt wird …

Ostersonntag

Ein hell erleuchtetes Haus, wo vor Wochen um diese Zeit noch absolute Dunkelheit herrschte. Nun ist jede*r für sich allein oder sitzt mit dem oder der Partner*in auf der Couch. Vereinzelte Stimmen vom Balkon durchdringen die abendliche Stille. Telefonate werden im Freien geführt, wo Wochen zuvor noch der helle Klang aneinanderstoßender Bierflaschen zu vernehmen war. Die Holzbänke im Biergarten nebendran sind leer. Vereinzelte Tauben haben sich dort mit ihren Ausscheidungen verewigt. Keine Menschenseele auf der Straße. Nur ein Elektroauto rollt geräuschlos vorbei. Nie zuvor erschienen Science Fiction-Filme so real wie in diesen Wochen, die wir gerade erleben. Wochen, in denen die Einen die Ruhe genießen, während Andere dagegen anschreien möchten. 

Ostern, die Zeit, in der viele das lange Wochenende für gewöhnlich mit ihren Liebsten verbringen. Waren es sonst Tage voll glücklicher Kinderstimmen und üppiger Familienessen, sind es für viele nun Momente der Einsamkeit und Einkehr. Alte Familienalben werden hervorgekramt, Kinderfotos in sozialen Medien präsentiert. Verbirgt sich dahinter etwa das Schwelgen in Erinnerungen, das Erinnern an die guten alten Zeiten, in denen jede*r weitestgehend das Leben führen konnte, das ihm oder ihr behagte? Bis Corona in die Welt trat und die Gesellschaft möglicherweise auf ewig verändert…

Passt auf Euch auf und lasst Eure Lieben trotz Kontaktverbot wissen, wie gern ihr sie habt! Wann, wenn nicht jetzt?

Frühlingsgefühle

Wer hätte gedacht, dass mein Text „Leben im Fluss“ nur ein Vierteljahr später dermaßen aktuell sein würde? Benjamin Franklins Zitat, „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren“, erscheint in der derzeitigen Situation aktueller denn je. Mehr und minder freiwillig leben wir nun zurückgezogen in den eigenen vier Wänden und müssen zwangsläufig mit uns allein zurechtkommen. Keine Ablenkung durch Window Shopping, Barbesuche oder Privatparties. Kein Kinobesuch, auf den man sich freuen kann, keine Ausstellung und keine Aufführung. Kunst und Kultur wurden – zumindest offline – komplett ausgeschaltet. Plötzlich sind wir gefragt, uns gänzlich mit uns selbst zu befassen, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen, um keiner Depression zu verfallen. 

Ich möchte mich in diesem Beitrag nicht über Sinn oder Unsinn der Corona-Maßnahmen äußern, doch möchte ich teilen, was ich um mich herum beobachte. Wie unterschiedlich die Menschen mit der aktuellen Lage umgehen, wie sie es schaffen, die Situation für sich zu nutzen oder nervlich an ihr zu scheitern drohen.

Vor den Fenstern schauen wir in einen blauen Himmel, wie wir ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Ein tiefes, reines Blau ohne jeden Flugverkehr. Die Vögel zwitschern, Knospen erblühen. Und dennoch haben viele von uns den Eindruck innerlich zu verwelken. Das Ohr glüht von stundenlangen Telefonaten mit Freunden. Die Waage zeigt allmorgendlich ein bisschen mehr an, futtern einige von uns sämtlichen Frust in sich hinein. Andere hingegen stürzen sich in sportliche Aktivitäten und kehren komplett durchtrainiert irgendwann wieder an den Arbeitsplatz zurück. Menschen erfreuen sich an einem handgeschriebenen Brief vom besten Freund oder der besten Freundin oder auch an der eigenen künstlerischen Schaffensperiode, für die nun endlich Zeit ist. Niemand muss mehr hetzen, sind wir alle zum Stillstand gezwungen. Der Spaziergang im Park wird zum Highlight des Tages. Nachbarn legen sich kurzerhand einen Hund zu, um neben Einkauf und Arztbesuch einen weiteren Grund zum vor-die-Tür-Treten zu haben. 

Wie ich im November 2019 bereits schrieb, kommt es nun auf uns und unsere Gedanken an, das Beste aus dieser Zeit zu machen. Leben wir allein im Hier und Jetzt und erkennen an, dass das Glück in uns wohnt, müssen wir es nicht im Außen suchen oder den Moment, wenn wir endlich wieder einem geregelten Alltag nachgehen können, herbeisehnen. Genießen wir die Stille, die Möglichkeit, endlich mal mit dem ein oder anderen Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Nun haben wir die Möglichkeit zu erkennen, wer es gut mit uns meint. Uns darüber bewusst zu werden, was wir wirklich wollen, mit wem wir unser Leben und unsere kostbare Zeit teilen möchten. 

Nutzt die Zeit und seid gut für Euch da! Jede und jeder von uns ist einmalig und sollte Menschen um sich haben (auch wenn dies physisch momentan nicht möglich ist), die einen genau dafür gern haben.

Passt auf Euch auf und bleibt körperlich und geistig gesund!

Sturmböen

Blätter fliegen umher, der Wind bläst einem alten Mann die Baskenmütze vom Kopf und legt seine wenigen Haare frei. Seit Tagen scheint erstmals wieder die Sonne, die Straßen füllen sich zunehmend mit Familien, Pärchen, Gassigängern und Joggern. Eine Sturmböe weht ein Hollandrad auf die Straße. Autoreifen quietschen. Der alte Volvo macht einen großen Bogen um das Zweirad, niemand hebt es auf. Wohin auch stellen? Es würde ja eh wieder weggeweht, denkt sich hier wahrscheinlich jeder.

Aus einem vorbeifahrenden Kleinwagen ertönt Udo Jürgens. „Und immer, immer wieder geht die Sonne auf“. Welch wahre Worte, denke ich, auch wenn wir sie nicht sehen können, scheint sie doch jeden Tag. Es gibt Phasen im Leben, da legt sich ebenfalls ein grauer Schleier über unsere Gedanken. Dann sollten wir nicht vergessen, dass die Sonne trotzdem scheint und wir sie irgendwann wieder sehen werden. Oder wie der Hanseat so schön sagt, es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Manchmal muss man sich äußerlich ein dickeres Fell zu legen, während man innerlich lernt, loslassen zu können. Sich von negativen Gedanken zu lösen. Positiv denken. Dann strahlt einem auch bald wieder die Sonne aus dem Allerwertesten.

„Ich darf nicht weinen, nicht ins Bett gehen, wann ich will und soll mit Dir Sendungen ansehen, die mich nicht interessieren“, beklagt sich eine Frau mittleren Alters bei ihrem Partner, bevor sie mit ihm im nächsten Hauseingang verschwindet. Nicht klagen, sondern handeln, lautet mein Motto für 2020, das dem Einen oder der Anderen vielleicht ebenfalls helfen könnte. Wie oft beschweren wir uns über Dinge, die wir ändern könnten, aber irgendeine Angst uns zurückhält. Was kann schon passieren? Dort, wo sich eine Tür schließt, öffnen sich fünf weitere, las ich neulich in einem Instagram-Post. 

Passanten ziehen die Mütze tiefer ins Gesicht, kneifen die Augen zusammen, um sich vor umherwehenden Blättern zu schützen. Jemand muss das Rad von der Fahrbahn entfernt haben. Es ist verschwunden. Vielleicht wie die Frau im Haus nebenan auch irgendwann. Oder aber sie sitzt weiterhin vor dem Fernseher und schaut Sendungen, die sie nicht interessieren.