Das ist die Sehnsucht

Die Sonne ist hinter den Wolken verborgen 

wie Dein Lächeln hinter der Maske.

In deinem Gesicht zeichnen sich kleine Fältchen ab, 

deine Augen beginnen zu leuchten. 

An der Art, wie sich der Stoff hebt und senkt, 

sehe ich deinen Atem schneller 

und schneller werden, 

doch bleiben mir deine Lippen verborgen. 

Du sagst etwas, 

Deine Worte klingen dumpf. 

Schwierigkeiten, Deinen Ausführungen zu folgen, 

möchte ich schreien, 

und bleibe dennoch stumm.

Alles zuvor Gesagte sammelt sich 

in diesem winzigen Stück Stoff, 

landet Stunden später in der Waschmaschine. 

Was vom Tage übrig blieb, 

wird nun bei 60 Grad ausgekocht. 

Noch bevor ihr wieder einsatzbereit seid, 

trete ich hinaus 

in die Freiheit 

und lasse euch zurück.

Die Ruhe nach dem Sturm

Der Regen peitscht gegen die Fenster

Hagelkörner schlagen gegen das Glas

Purzeln hinab 

Landen unsanft auf dem Sims

Mein Blick ist vernebelt

Wie die Welt vor den Fenstern

Die Regentropfen dringen zu mir herein

Ziehen ihre Spuren auf meiner Wange

Der Wind rüttelt in der Baumkrone

Die Äste schlagen um sich

Kein Vogel fliegt am Firmament

Ein Müllsack rollt die Straße hinunter

Reißt die nassen Blätter mit sich

Sie kleiden ihn

Aus hellgelb wird bunt

Der Sturm legt sich

Die Welt steht still

Kein Geräusch zu vernehmen

Nur hinabgefallene Zweige

Bezeugen das Geschehen

Zwischen den Wolken 

Schiebt sich ein Sonnenstrahl hindurch

Die Welt beginnt wieder zu leuchten

Großstadtlichter

Hell funkelten die Großstadtlichter in der Dunkelheit. Ungebremst fuhr er in die Nacht hinein. So ein Scheiß, dachte er. Dabei wollte er doch nur… ja, was eigentlich? Längst hatte er es vergessen. Weg, einfach weg! Und nun standen alle Ampeln auf Rot. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf das Lenkrad ein, als gelte es einen Drumbeat zu testen. Hatte sie das wirklich ernst gemeint? Was hatte ihn zu ihr geführt? Warum hatte er ihr überhaupt seine Aufmerksamkeit geschenkt? Hatte sie dabei auch noch angesehen, in ihre Augen geblickt. Fuck, diese Augen… DIESE Augen! Eine krasse Mischung aus Verletzlichkeit und bohrender Tiefe. Und noch etwas Anderem. Dazu aber fiel ihm beim besten Willen nichts ein. Versunken sind sie in den seinen wie zwei Perlentaucher im Ozean. Sie hatte diesen Scheiß Blick mit diesem verdammten Etwas darin, wie ein viel zu helles Licht, das irgendetwas in ihm zum Schwingen brachte. 

Seine Finger zitterten, als befände er sich in Eiseskälte, dabei brannten seine Hände, als habe er in glühend heiße Kohlen gegriffen. Verdammt scheiß heiße Kohlen! Oh man! Er war am Arsch. Die Gedanken hämmerten durch seinen Kopf wie Technobeats.

Der Typ hinter ihm hupte. Die Ampel stand auf Grün. Ein Blick in den Rückspiegel verriet ihm die Ungeduld des Hintermanns. Dieser warf ihm einen Blick zu, als wäre die Hölle zu Eis gefroren. 

Alter! Ernsthaft?!

Josh verdrehte die Augen und trat aufs Gaspedal, als stieße er das Tor zum Nirwana auf. Eine delphingraue Wolke war alles, was er zurückließ. Sollte der Typ doch an seinen Abgasen verrecken! Selbst schuld, wenn er den Stress, den er vorhin wahrscheinlich noch zuhause hatte, nun auf der Straße ausleben wollte. 

Erneut schaute Josh in den Rückspiegel. Er war vollkommen allein. Im Leben wie auf der Straße. Auf sich selbst zurückgeworfen, ließ er die Stadt seitab. Und während sein Puls entschleunigte, dehnte sich die Zeit. Gab ihm Raum, schenkte ihm eine Spanne der Unendlichkeit, die ihn zur Ruhe kommen ließ. Tief atmete er aus, als habe er die Luft angehalten. Indes rollte der Wagen geschmeidig und leise auf dem Asphalt. Die Stille umgab ihn wie eine sanft duftende Wolke ihres sinnlichen Parfüms. God damn! Dieser Duft auf ihrer sonnengebräunten Haut… Josh schluckte. Ihre filigrane Silhouette zeichnete sich vor seinem inneren Auge ab. Jede Faser in ihm sehnte sie herbei. Nur ein Impuls? Oder ein Wunsch, ein Versprechen, das er in die Nacht entsandte. Dunkel und endlos. Gespickt mit kleinen funkelnden Sternen. Warum nur war er so in Rage geraten? Warum davongerannt? Warum schaffte er es nicht, ihrem Blick standzuhalten? Ihr zu geben, wonach sie sich so sehr sehnte – und er sich irgendwie auch. 

Die Nacht kleidete die Umgebung, tünchte sie in verheißungsvolle Farben. Äste und Sträucher wirkten wie geheimnisvolle Zeichen. Seit über einer Stunde war er nun schon unterwegs. Warum eigentlich nicht alles hinter sich lassen? Einfach weiterfahren ohne Grund und ohne Ziel? Das Gefühl rauschte in seinen Ohren. Er lächelte leise, schaltete das Radio ein und überließ sich der Straße. 

„Easy“ von Faith no more erfüllte den Raum außerhalb von ihm. 

Leicht… warum eigentlich nicht?!

Er cruiste die Allee entlang, vorbei an den unzähligen Kastanienbäumen. Gespenstisch starrten sie auf ihn hernieder, als müsse er wachgerüttelt werden. Ein Blatt segelte hinab und blieb an der Windschutzscheibe haften. Josh schaltete die Scheibenwischer ein und schob es fort. Warum gab es solche Wischer nicht für sein Leben? Wenn doch alles nur … so einfach wäre! Ja, wenn …

Erneut begann ein Wirbelwind seine Gedanken durcheinander schleudern. In etwa so, wie auch sie in sein Leben gestürmt war, wie ein Tornado, und hatte eingeschlagen wie ein Blitz. Einfach fahren! Weiterfahren, Josh! Und die Gedanken dem Strom überlassen, als wären sie der Geist in der Flasche, den es zu bändigen galt. 

Ein helles Licht tauchte aus der Dunkelheit auf. Aus den Boxen erklang ein alter Song von The Doors. „This is the end…“.

Ein Gemeinschaftsprojekt mit Stefanie Nickel

Jahrestrip

Ich fahre durch eine weiße Landschaft. Wie von einer Schicht Puderzucker überzogene Berge tauchen vor mir auf und verschwinden wenig später im Rückspiegel. Der Duft der Clementinen auf dem Beifahrersitz steigt mir in die Nase. Mein Herz ist weit geöffnet. Schneeflocken landen lautlos auf der Windschutzscheibe, vermischen sich mit dem aufgewirbelten Matsch der vor mir fahrenden Autos. Scheibenwischer und Lüftung arbeiten auf Hochtouren. Allmählich lichtet sich der Nebel. Adeles Stimme erfüllt das Wageninnere. „Don`t you remember?“ 

Ich wechsele die Spur, will eine Pause einlegen, den Schnee unter meinen Stiefeln knirschen hören. Und plötzlich sind sie da. Die vielen Bilder, Erinnerungen an die vergangenen elf Monate. 

Bilder von Menschen, von ihren Gesichtern, ihrem Lächeln und ihren Tränen. Bilder von all den Orten, an denen ich sie traf und solchen, an denen ich sie ganz besonders vermisste. Präsent sind mir jene Situationen, die dazu führten, dass sich unsere Wege kreuzten und auch jene, die dazu führten, dass sich unsere Wege trennten oder sie gar (viel zu früh) aus dem Leben schieden, ohne dass ich die Gelegenheit erhielt, mich gebührend von ihnen zu verabschieden. In meinem Kopf höre ich ihre Stimmen, lausche noch einmal den vielen Gesprächen und auch Diskussionen, die wir führten. Ich spüre unsere Umarmungen, höre das Klirren der Gläser beim Anstoßen, unser ausgelassenes Lachen.

Ich spüre die Liebe, in der mich manch eine*r badete – und ich sehe mich, die befürchtete, darin zu ertrinken. Ihnen vor den Kopf stieß, mich abwandte – anstatt anzunehmen und dankbar zu sein. Eine gewisse Melancholie überkommt mich, und ich frage mich, ob es an der atemberaubenden, gepuderten Landschaft oder dem bevorstehenden Fest der Liebe liegt. Ich setze den Blinker und steuere den Rasthof an. Lautlose Tränen rinnen meine Wangen hinab. Kleine Tropfen voller Liebe und Freude, Trauer und Schmerz verkriechen sich im Ausschnitt meines Pullovers.

Es war ein wirklich besonderes Jahr – und das nicht nur aufgrund der aktuellen politischen Situation. So vieles ist passiert, hat sich zurechtgeruckelt oder ist auseinandergebrochen. Für mich ist es das erste Jahr, in dem ich Deutschland nicht ein einziges Mal verließ. Und doch fehlt es mir nicht, denn alles, wonach ich suchte und noch vieles mehr, habe ich hier gefunden, im Gegenüber – und vor allem in mir. 

Gleisdreieck

Gurkenscheiben und Paprikaschnitze werden sorgfältig auf bunten Plastiktellern drapiert. Eine Schüssel mit Nudelsalat und eine Box voller Buletten. Das Gras rings um die karierte Picknickdecke ist grün, driftet an manchen Stellen bereits ins Bräunliche ab. Grell scheint die Sonne. Nur wenige Schleierwolken ziehen über den blauen Himmel. Dennis zupft an seinem neu erworbenen Batiktuch und schiebt die Sonnenbrille vom Haaransatz zurück auf die Nase. Dann wieder zurück in sein langes, blondes Haar, das in der Sonne strahlt. Hat ihm zumindest mal eine Frau gesagt, die er für eine Weile sehr gern hatte. Er greift an den Bügel, lässt ihn wieder los. Setzt er die Brille auf, erkennt ihn Theresa möglicherweise nicht. Wär doof! Oder lieber doch? Was, wenn sie nicht so aussieht wie auf den Bildern bei Tinder? Was, wenn plötzlich jemand völlig Anderes vor ihm steht? Oder ihre Stimme absolut fürchterlich klingt? Ist Theresa eigentlich ihr wahrer Name? Am Ende heißt sie noch Mandy oder Sandy oder so. Dennis schiebt die Sonnenbrille zurück auf die Nase. Sicher ist sicher. 

Sein Blick schweift hinüber zum Kaffeestand. Zu gern würde er sich einen Cappuccino holen, aber das wär unhöflich. Er sollte damit auf sie warten. Die Schlange ist ohnehin viel zu lang. Ein kleines Mädchen quengelt an der Hand der Mutter. Immer und immer wieder brüllt es den Namen einer Eissorte, die die Mutter der Kleinen anscheinend verwehrt. Dahinter ein Typ, schätzungsweise in Dennis’ Alter, wahrscheinlich auch frisch von der Uni, mit hellbraunen Dreads und rötlichem Bart. In seinen Augen sieht Dennis seine Genervtheit, doch sein Körper ist völlig regungslos. Erst als ihn eine junge Frau mit Zopf anstößt und dabei ihr Kaffeebecher zu Boden fällt, woraufhin sich das heiße Getränk auf dem Betonboden verteilt, kommt er in Bewegung, dreht sich zu ihr. Mit dem Rücken zu Dennis hebt sie den Becher wieder auf und steuert den Mülleimer an. 

Dennis schaut auf sein Handy. 15.05 Uhr. Theresa ist zu spät. Er öffnet die App. Nichts. Er schiebt die Sonnenbrille zurück ins Haar und sieht sich um. Der Park ist mittlerweile so voll, dass er sich nicht mehr sicher ist, ob sie sich hier jemals finden werden. Gegenüber der Kaffeebar, rechts von der großen Schaukel – das ist zwar konkret, aber irgendwie auch nicht. Immer mehr Menschen breiten ihre Decken um ihn herum aus. Das kleine Quarrée wird bunt, und er fühlt sich, als verschwinde er im Meer der Farben. Am Ende ist er darin abgetaucht, bevor Theresa überhaupt auftauchen kann. 

Die Schlange vor der Kaffeebar ist kürzer geworden, der langhaarige Ex-Student ins Gespräch mit der Frau mit Zopf vertieft. Beide halten ein Getränk in der Hand, als hielten sie sich daran fest. In unregelmäßigen Abständen pustet der Bartträger in den Pappbecher, aus dem eine Dampfwolke quillt und sich mit der flirrenden Berliner Luft vermischt. Sein Lachen klingt herzlich. Auch sein Gegenüber scheint angetan. Die Hände der jungen Frau sind ständig in Bewegung. Von der einen in die andere Hand wandert ihr Becher hin und her. Schade, dass Dennis sie nur im Profil zu sehen bekommt! Doch er hört, wie sie in sein Lachen einstimmt und erahnt, wie sie dabei die Haare zurückwirft. In der Hinsicht sind doch alle Frauen gleich!

Ein weiteres Mal zieht Dennis das Handy hervor. Er wird Theresa schreiben, dass es hier zu voll, ja, zu eng ist, dass sie sich an der Kaffeebar treffen sollten. Ein Blick aufs Display verrät, es ist bereits zehn Minuten nach der verabredeten Zeit. Will er eine Frau überhaupt noch treffen, wenn sie trotz Verspätung nicht einmal eine Nachricht schickt? An der Uni mag das akademische Viertel ja okay sein, aber bei einem Date? Dennis nimmt die Sonnenbrille von der Nase und kaut am Bügel. Zum wahrscheinlich hundertsten Mal scrollt er durch ihr Profil. Sie ist wirklich hübsch, ganz natürlich. Nicht so eine aufgetakelte Tussi wie manch Andere in diesen Dating Apps. Und sie ist witzig. Und schlagfertig. In Gedanken geht Dennis ihre Nachrichten durch, denkt an den Moment, als ihre erste Sprachnachricht einging. Damit hatte sie ihn. Diese Stimme voller Zärtlichkeit und Power, sexy und schüchtern.

Das Handy vibriert. Beinahe wäre es ihm aus der Hand gerutscht. Warum sind seine Hände plötzlich so feucht? Mit zittrigen Fingern schützt er das Display vor der Sonne, wirft einen Blick darauf. Anruf von Mama. Eilig steckt Dennis das Handy zurück in die Hosentasche und sieht sich um. Nur ein einziges Mal noch. Junge Menschen mit Badminton-Schlägern. Ein Kind auf der Schaukel neben ihm. Eine ältere Frau mit einem Buch und Weintrauben auf der Decke schräg gegenüber. Nur von Theresa keine Spur. Wie in Slow Motion zieht Dennis das Tuch vom Rasen, schüttelt es aus und erntet böse Blicke von der Familie auf der Decke hinter ihm. Ordentlich gefaltet drückt er es in seine Tasche und hätte beinahe die Tomaten zerquetscht. Dabei wollte er sie damit überraschen. Hatte auf dem Weg hierher im REWE alles Vegane, das ihm unter die Augen gekommen war, in den Korb geworfen und später in seiner Tasche verstaut. Hatte gehofft, dass ein Picknick eine zu kurze Begegnung verhindern könnte. Wollte keinen Hunger aufkommen lassen. Bevor er die S-Bahn-Station verließ, hatte er sie beide bereits herumblödeln sehen. Hatte Theresa lachen gehört, bevor eine der kleinen Tomaten zwischen ihren geschwungenen Lippen verschwand.

Aus seiner Hosentasche kramt Dennis diverse Münzen hervor. Einen Cappuccino gönnt er sich noch gönnen, bevor er den Park wieder verlassen wird. Vielleicht kann er sie sogar von der Theke aus beobachten, wie sie die Wiese abläuft, auf der Suche nach ihm. Was wird er dann tun? In Ruhe seinen Cappuccino trinken oder doch zu ihr laufen? Soll sie ihn doch erstmal suchen! 

In der kurzen Schlange vor ihm brabbelt diesmal ein kleines Mädchen auf ihren Vater ein. Kein Eis, aber Kakao. 

„Bitte, Papa, bitte!“ Mit weit aufgerissenen Augen fleht das Mädchen ihn an. 

Der Daddy scheint dahinzuschmelzen wie ein Eis in der Sonne, nimmt die Kleine auf den Arm und drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. 

„Ja, Papa, darf ich?“ 

Er nickt und bestellt.

Erneut zählt Dennis die Münzen in seiner schwitzigen Hand. Warum schwitzt er überhaupt noch? Es gibt doch gar keinen Grund mehr für irgendeine Aufregung. Es würde ein Sonntag wie jeder andere. Mit Netflix und Tiefkühlpizza. Vielleicht noch eine Zigarette, ein Bier und ein netter Tinder-Chat auf dem Balkon.

„Sag mal, ist es eigentlich schon Drei?“

„Zwanzig nach. Wieso? Langweile ich dich?“

Die junge Frau, die von dem Typen mit Dreads zur Hälfte verdeckt wird, lacht.

„Nee. Ich bin eigentlich noch verabredet. Ist aber eh so voll. Da finde ich denjenigen bestimmt sowieso nicht.“ 

Kurzzeitig herrscht Schweigen. Ein Windhauch streift Dennis‘ Unterarme. Die kleinen Härchen stellen sich auf.

„Ach, egal! Wollen wir noch ’ne Runde durch den Park gehen, oder hast du heute noch was vor?“

Der Bärtige schüttelt den Kopf. Dicke Wolken schieben sich vor die Sonne. 

„Andreas, du bist doch Andreas, oder? Mensch, ich steh mir da hinten die Beine in den Bauch. Warum schreibst du mir denn nicht, dass du hier bist? Hast du meine Nachricht nicht bekommen?“ Mit einem dezenten Tritt lässt eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren ihr Skateboard hochschnellen und klemmt es sich unter den Arm, während ihr Blick vom Bartträger zur jungen Frau neben ihm wandert.

Dennis nippt an seinem Cappuccino, verbrennt sich die Zunge und flucht, woraufhin sich die Frau mit Zopf zu ihm dreht. Ihre Augen weiten sich. Ihr Anblick erinnert Dennis an ein erschossenes Reh. Selten zuvor hat er sich so sehr auf die neue Netflix-Serie und das kühle Bier im Kühlschrank gefreut.

Einfach machen!

Über dir kreist der Polizei-Hubschrauber. Menschen wuseln um dich herum. Es pulsiert und dröhnt. In dir kreischt eine Stimme. Sie schreit nach Ruhe. Deine Augen sehnen sich nach Weite.

Und dann steigst du ins Auto, drehst die Musik auf und fährst einfach los. Dein Herz weitet sich, als sich die Sonne hinter den Feldern verkriecht. An einem Wald hältst du an. Bestaunst den Sternenhimmel und freust dich wie ein Kind über die Sternschnuppe, die vor deinen Augen verglüht. Du saugst das Zirpen der Grillen ein und kriechst unter die Decke.

Als der Himmel grau auf den Waldboden drückt, wachst du auf. Willst noch liegen bleiben, bis der Nebel sich lichtet. Irgendwann gibst du auf und erhebst dich. Trittst hinaus und umarmst einen Baum. Saugst seine Energie in dir auf, ehe du hinunter an den See gehst. Und kaum hast du deine Zehen im feuchten Sand vergraben, bricht der Himmel auf, und die Sonne umhüllt dich mit Wärme. Das Wasser hält deinen Blick gefangen. Du kannst nicht sagen, ob Minuten oder bereits Stunden vergangen sind, ehe du dich zurück zum Auto begibst und den Weg in die Großstadt antrittst.

Sich treiben lassen statt sich getrieben zu fühlen. So können 24 Stunden zu den glücklichsten werden, wenn du nur lernst, auf deine innere Stimme zu hören und ihr folgst. Das Leben einfach mal so nehmen, wie es kommt. Zusehen, wie die Fische im See hüpfen und sich ein Schmetterling auf deinem Fuß niederlässt. Momente, in denen die Stimme im Kopf verstummt und die Seele zur Ruhe kommt. Sich vom Leben schleifen lassen wie der Stein von Wasser und Sand. Dahingleiten wie die Wogen des Sees.

Zitroneneis zum Frühstück

Die Spatzen zwitschern.

Hinter geschlossenen Gardinen 

blitzen erste Sonnenstrahlen hervor.

Unermüdlich tickt der Sekundenzeiger.

Tick – tack.

Aus dem Hahn rauscht das Wasser.

Auf dem Herd brodelt der Kaffee.

Verströmt seinen Duft durchs weit geöffnete Fenster.

Schlafend liegt das Handy auf dem Tisch,

bis das kleine Display erstrahlt.

Dunkle Wolken ziehen auf.

Gehäutete Zwiebeln legen sich 

in kleinen Ringen auf die Seele.

Eierschalen umschließen das Herz,

landen unsanft auf dem kalten Fliesenboden.

Warum?

Ein kleines Mädchen fährt im Kinderwagen vorbei. Egal, was ihre Eltern sagen, fragt es ein in die Länge gezogenes „Warum?“

„Es ist Zeit nach Hause zu gehen.“

„Warum?“

„Na, weil es schon spät ist.“

„Warum?“

„Schau mal, es wird schon dunkel.“

„Warum?“ 

Schmunzelnd verfolge ich die Situation und stelle mir selber eine essentielle Frage: Wann genau hört das auf? Ab wann nehmen wir die Dinge hin, ohne sie zu hinterfragen? Glauben wir, schon alles zu wissen und nicht mehr nachfragen zu müssen? Stellen unser Leben stattdessen um auf Autopilot. Oder steckt dahinter eine Angst, dass wir uns möglicherweise blamieren, unsere Fragen von Unwissenheit zeugen könnten? 

Künstler*innen, Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und so manch Andere*r sagt nun sicherlich, dass man doch ständig nach dem Warum gefragt werde.

„Warum haben Sie sich diesem Thema angenommen?“

„Warum war Ihnen das so wichtig, dass sie dazu jahrelange Recherchen betrieben haben?“

Oder auch die typische Frage beim Vorstellungsgespräch. „Warum sollten wir uns für Sie entscheiden?“

So viele Fragen, die von Anderen an uns herangetragen werden. Aber stellen wir sie uns selber überhaupt noch? Und damit meine ich keine Fragen wie, „warum hänge ich die Wäsche nicht einfach ab, wenn mich der herumstehende Ständer so stört?“ Oder die Teenagertochter, die uns fragt, warum ihr Schwarm nicht anruft. 

Beginnen wir, uns selbst als Person, als Mensch zu hinterfragen, dann stellen wir oftmals fest, dass sich das innere Kind hinter unserem Verhalten und unseren Handlungen verbirgt. Warum bin ich so stur? Warum bin ich jetzt eingeschnappt? Warum lasse ich das alles mit mir machen und bleibe stumm? Die Gründe dafür liegen oftmals in unserer Kindheit verankert.

Geht es auf die so genannte Midlife Crisis zu, gibt es immerhin Phasen, in denen wir uns wieder vermehrt Fragen stellen und in uns hineinhorchen. Warum macht mich der Job nicht mehr glücklich? Warum habe ich mich dazu entschieden, dieses und kein anderes Leben zu führen?

Unternimmt man als erwachsene Person den Versuch, Anderen unangenehme Fragen zu stellen, erhält man häufig die gleiche Reaktion, die Kinder bekommen. Die Menschen um einen herum wenden sich nach einer Weile genervt von uns ab. Häufig gefolgt von der Antwort, „das wurde schon immer so gemacht“ oder „das ist halt so“. Ganz aktuell auch gern, „das haben Politiker so entschieden, und danach haben wir uns nun zu richten“. 

Haben wir Angst, mit unseren Fragen anzuecken? Haben wir Angst vor den Antworten? Warum haben wir überhaupt Angst und was steckt dahinter? Scheuen wir uns davor, Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen? Wann haben wir aufgehört, Fragen zu stellen? Nachzufragen, zu hinterfragen.

Lasst uns wieder Kinder sein – auch auf die Gefahr hin, dass sich manche genervt von uns abwenden. Diejenigen hingegen, die bleiben und zuhören, sind wirklich an uns als Mensch interessiert.

Hirngespinst

Ein simpler Knopfdruck, und er hatte sie ausgelöscht, für immer und ewig aus seinem Telefon verbannt. Sein Herz krampfte. Alle Illusion, alle Zuversicht. Mit wenigen Worten hatte sie ihm alles genommen, hatte alles zerstört, was er mühsam versucht hatte aufzubauen. Elias starrte auf das leere Display. Zwei Worte in einem hellblauen Kasten blickten ihn stumm an. No messages. Nie wieder wollte er ihre Stimme hören, ihre verletzenden Nachrichten lesen. Er nahm einen Schluck vom Flaschenbier und steckte sich die Kopfhörer in die Ohren. Rage against the Machine brachten ihn zurück in die 90er.

Im See spiegelte sich der pralle Mond und verwandelte das Wasser in eine glitzernde Masse. Ein Strahlen inmitten der dunklen Nacht. So wie Annas Strahlen auf den morgendlichen Fotos.

„Guten Morgen, mein Schatz. Wie geht’s dir, babe?“ Ihre Stimme hatte sich in sein Hirn gefressen, in der hinterletzten Zelle festgesetzt. Elias ließ sich in den feuchten Sand sinken und drückte den Lautstärkeregler seines Handys in die Höhe, schrie und brüllte, bis die Enten aufschreckten und davonflogen. 

Er hasste sie. Er liebte sie.

Der See stand komplett still, während er von den Wellen fortgerissen, weit hinausgetragen und schließlich unsanft zurück an Land gespült wurde. Ausgespuckt.

Er hatte sie lieb gewonnen, ihre Verwirrtheit, ihre Ehrlichkeit, bis zu dem Moment, in dem sie das alles zerstörte mit der Wucht ihrer Worte. Sie hatte es geschafft, ihm innerhalb kürzester Zeit alles zu nehmen – so wie er ihr nun alles nehmen wollte. Seine liebevollen Nachrichten, seine Fotos, sein Innerstes, das er für sie nach außen gekehrt hatte. Dafür, dass sie nun darauf herumtrampelte. Mit einem Tastenklick entriss er ihr seine Liebe, löschte alle Gedanken aus, die er jemals an sie verschwendet hatte. Ein einziger Knopfdruck, und alles war vorbei. Ausgelöscht für immer.  

Sein Herz brannte wie die über dem See aufgehende Sonne. Er drehte die Musik abermals lauter und ließ sich von ihr davontragen. Annas Stimme in seinem Kopf wurde leiser, verebbte. Ein kühler Windhauch umspielte sein Herz.

***

Anna lag im Bett und starrte an die Decke. Kahl und einfarbig wie die Seite, auf der sie bis vor wenigen Stunden seine Nachrichten und Fotos hatte sehen, seine Stimme auf Dauerschleife hatte anhören können. 

Hast du gut geschlafen, babe? Hattest du einen schönen Nachmittag?  Schlaf gut, babe, ich kuschel mich gleich zu dir unter die Decke.

In ihrem Kopf war noch alles da, während der hellblaue Kasten im Handydisplay das Gegenteil behauptete. No Messages.

Zaghaft berührte der große Zeiger des Weckers die Drei, und sie war hellwach, wollte die Zeit zurückdrehen, alles ungeschehen machen. Auf Knopfdruck hatte sie alles zerstört. Das simple Tippen einer Buchstabenkombination hatte dafür gesorgt, dass sie ihn wohl für immer verloren hatte.

Jede Faser in ihr sehnte sich nach seiner Stimme, seinem Lachen, sogar seinen Anzüglichkeiten. Es gab kein Tabu. Über alles offen und ehrlich reden, das mochte sie an ihm. Bis sie die Grenze überschritt und sich von einem auf den nächsten Moment in einem unbekannten Land wiederfand, weit entfernt von ihm und sich selbst.

Anna nahm die Brille ab und wischte die Tränen vom kalten Glas. Ein kühler Windhauch blies die Gardinen auf. Sie zog die Decke bis unters Kinn, wollte lieber ersticken als erfrieren. Gefrierbrand des Herzens.

Ebenso eiskalt war auch Elias Reaktion auf ihre Nachrichten ausgefallen. Sie wollte mit ihm reden, es persönlich klären, doch ehe sie sich versah, war alles weg.  Ausgelöscht. So, als existiere er nicht mehr. Als habe es sie beide nie gegeben. Verloren für immer. Nichts zeugte mehr von all den schönen Momenten. Alles hatte er ihr genommen, alle Fotos, ob im Bett, in der Natur, mit Hund oder Katze. Den rauen Klang seiner Stimme am Morgen, die ins Mikro gehauchten Küsse. Das Kopfkino, das am Ende die verkehrte Richtung eingeschlagen hatte.

Ein leises Wimmern erfüllte ihr Schlafzimmer, prallte am Wecker ab und setzte sich in den Laken fest. 

Schlaf gut, babe, ich kuschel mich gleich zu dir unter die Decke. 

Sie schaltete das Licht aus und sofort wieder an, zog das Kissen über die Ohren. Ein kühler Windhauch wehte herein, streifte ihre Wange und trocknete die Tränen im Moment, als sich der erste Sonnenstrahl durch die Gardinen kämpfte.

Spontanbesuch (English version below)

Du öffnest die Tür und blickst dem Glück mitten ins Gesicht. Was tun? Das Glück hereinbitten, dass es sich in deiner Wohnung breitmacht, dein Sofa belagert, dir nachts die Bettdecke klaut? Oder lieber erstmal auf einen Spaziergang einladen? Nicht, dass es noch ansteckend ist. Infiziert vom Glück, wer will dieses Risiko schon eingehen?

Zwei Haushalte, das Glück und du. Wer von euch trägt sich in die Liste ein, die euch im Café um die Ecke gereicht wird? Dort, wo es dich auf ein Getränk einlädt, das dir nicht nur die Hände sondern auch das Herz wärmt.

Auf dem Heimweg pflückt das Glück einen Blumenstrauß und teilt dir mit, dass es bei dir einziehen möchte.

Doch wohin mit der Angst und den Zweifeln, belagern sie seit Jahren deine Wohnung, folgen dir auf Schritt und Tritt, wohin du auch gehst? Du kannst sie doch nicht einfach vor die Tür setzen, schreit deine innere Stimme entsetzt. Wo sollen sie denn hin? Bei der Nachbarin ist auch kein Platz, hat sie ihre eigenen Angst-Mitbewohner, und in den letzten Wochen sind es ohnehin immer mehr geworden. Schaffst du es sie ihrem eigenen Schicksal zu überlassen, einfach mal egoistisch zu denken?

Aber was ist dann mit dem Glück? Darf es bleiben? Du müsstest gut für es sorgen, es nähren, so wie die Angst bisher dich genährt hat. Es gab Momente, da fühltest du dich regelrecht überfressen, konntest dich kaum noch bewegen, vollkommen lethargisch und ausgelaugt. Ein Zustand, an den du dich erschreckenderweise gewöhnt hast.

Plötzlich fällt dir auf, dass die Angst dir noch nie Blumen geschenkt hat, nicht mal einen Kaktus, an dem du dich hättest stechen können. Und trotzdem bist du in einen tiefen Schlaf gefallen wie Dornröschen. Vielleicht ist das Glück gekommen, um dich endlich wachzuküssen. Du solltest es wagen. Lass das Glück einziehen und seinen Kumpel, die Zuversicht, gleich dazu! Und wer weiß, wenn es sich erst einmal bei dir wohlfühlt, wird auch bald die Liebe bei dir einziehen wollen.

A Spontaneous Visit

You open the door and stare right into the face of happiness. How will you react? Ask happiness to step inside so that it might sit on your sofa all day long, pull the covers off you during the night?

Or will you ask happiness to go for a walk? Be careful, it might be contagious. Getting infected by happiness, who in the world would want to take this risk?

Two households, happiness and you. So who of the two of you will write down the name into the list they ask you to submit at the coffee shop nearby? Right there where happiness invites you for a drink which doesn’t only warm up your hands but also your heart.

On your way home happiness is picking some flowers, telling you that it would love to move in with you.

But what to do with anxiety and doubts which have been staying at your apartment for such a long time already, following you wherever you go? You cannot ask them to leave this easily, your inner voice is yelling. Where are they supposed to go? There is no spot left at your neighbor’s apartment since she has her own anxiety-flatmates which have become even more during the last weeks since March.

Will you be able to abandon them, leave them to their own fate? Can you manage to put yourself first?

But what will happen to happiness then? Will you ask it to stay? You would have to care for it, to nourish it just as anxiety has nourished you for so many years. There were moments when you felt overindulged. You’ve barely been able to move, deprived of all of your energy, totally sluggish. A condition you, alarmingly, got used to.

Suddenly, you realize that anxiety has never brought you any flowers, not even a cactus at which you could have pricked yourself. Nevertheless, you have fallen into a deep sleep. Maybe, happiness has arrived to, finally, kiss you awake. You should dare to take the risk! Ask happiness to move in with you and also his best friend, serenity. And who knows? As soon as happiness will feel comfortable, love might ask you to move in with the two of you as well.