Großstadtkälte

Das Plätschern

Einzelner Regentropfen

Unterbrochen

Von einem verfrühten Silvesterknaller 

In der Ferne

Das schmatzende Geräusch der Schuhsohlen

Vorbeieilender Passanten

Knisternde Tüten voller Weihnachtsgeschenke

Reifen rauschen auf nassem Asphalt

Noch zehn Minuten

Ähnlich eines Ritterhelms 

Legt sich die Kälte 

Um meinen Kopf

Kriecht tiefer

Schiebt sich am Kragen vorbei

Gänsehautmoment 

In der Großstadt

Die Augen 

Zu Schlitzen verengt

Schaue ich

Zur Anzeigetafel

Sieben Minuten

Vor der roten Ampel

Hält ein Taxi

In meiner Jackentasche

Die Hände zu Fäusten geballt

Gewillt der Versuchung

Zu widerstehen

Es spontan heranzuwinken

Weit weg zu fahren

Doch wohin?

Die Ampel schaltet auf Grün

Im Schneckentempo

Schiebt sich

Das leere Taxi

An mir vorbei

Der funkelnde Schneemann

Gegenüber

Sieht mich vorwurfsvoll an

Vier Minuten

Der Regen nimmt zu

Ein nebliger Schleier

Schiebt sich

Zwischen mich

Den Schneemann

Die Anzeigetafel

Wie eine Tarnkappe ziehe ich 

Die Kapuze über den Kopf

Tief ins Gesicht hinein

Warum ist das alles passiert?

Noch zwei Minuten

Wie soll es weitergehen?

Das leuchtende Gelb 

Kommt näher

Hinter dem großen Fenster

Im oberen Stockwerk

Knutscht ein junges Paar

Dahinter

Eine blonde Frau

Hält eine Sektflasche

Eng umschlungen wie einen Teddybär

Gebannt starrt der Busfahrer

Eine Etage tiefer

Auf die rote Ampel

Ich ziehe die mittlerweile

Zerknitterte Fahrkarte

Hervor

Lausche

Dem zischenden Geräusch der Türen

Zu spät




Sprung ins Ungewisse

Nur noch zwei winzige Schritte, dann hatte sie die Klippe erreicht. Die Hände auf die Knie gestützt, rang Jolanda um Luft. Mit den Augen fixierte sie den kleinen Baum, der wie ein Wegweiser über ihr thronte. Seine weißen Blüten verströmten einen betörenden Duft.

Was tat sie hier? Warum war sie nicht unten an der Strandbar geblieben? Zu ihren Füßen lagen die zerklüfteten Felsen, die sie mühevoll hinaufgestiegen war. Bloß nicht zurückschauen!

Am Horizont küsste die Sonne das Meer. Ihr blieb nicht viel Zeit. Sollte sie es wirklich tun? Was hatte sie nur hierher gezogen? Bis zum Hals schlug ihr Herz. 

Nun war es nur noch ein einziger Schritt. Und dann? Was erwartete sie? Würde dieser eine Schritt ihr bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellen, oder würde sie einer der Felsvorsprünge womöglich ihr Leben kosten? Mit zittrigen Knien betrat Jolanda das schmale Plateau und blieb wie gefesselt stehen. Der Ausblick war schier überwältigend. Regungslos betrachtete sie die sich kräuselnden Wellen. Die Gischt spritzte meterhoch. Sanft wogen sich die Zweige des Bäumchen zu ihrer Linken im Wind. Warum war sie nicht schon viel früher hinaufgestiegen, hatte den Nachmittag hier oben verweilt, noch einmal alles in Ruhe überdacht? 

In der Ferne tauchte die Sonne das Meer bereits in ein tiefes Rot. Sie musste es tun, jetzt, ehe es zu spät sein würde! Jolanda nahm einen tiefen Atemzug und schloss die Augen. Ihr Schrei erfüllte den Abendhimmel.